Musiktheater im Revier: Frömmelei und Folklore

Alte Autos und eine folkloristische Musikgruppe: „Anhod Simon“ (Simon, das Findelkind) mixt Kontrastreiches.
Alte Autos und eine folkloristische Musikgruppe: „Anhod Simon“ (Simon, das Findelkind) mixt Kontrastreiches.
Foto: Pedro Malinowski
Was wir bereits wissen
Die neue Opernarbeit der Serbin Isidora Žebeljan, „Anhod Simon“ (Simon, das Findelkind), ist Heiligenlegende und Bauerntheater in einem – und kam im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier zur Uraufführung.

Gelsenkirchen.. Leicht macht es die serbische Komponistin Isidora Žebeljan dem deutschen Publikum mit ihrer fünften Opernarbeit, „Anhod Simon“ (Simon, das Findelkind), nicht. Eine Mischung aus Heiligenlegende und Bauerntheater, aufgebaut als stereotypes Stationendrama, musikalisch von einem gewöhnungsbedürftigen Mix aus folkloristischen Elementen und expressiven Entladungen bestimmt: All das wirkt ein wenig naiv und altbacken, auch wenn sich sowohl die Komponistin als auch Regisseur Michiel Dijkema um groteske Brechungen bemühen.

Extraschicht Die Handlung gilt in Serbien als so bekannt wie hierzulande der „Faust“. Simon, inzestuös gezeugt, wird als Bastard von seiner Mutter ausgesetzt und verliert trotz bitterer Erfahrungen nicht den Glauben an das Gute im Menschen. Bis er sich in Anna verliebt, die sich als seine Mutter zu erkennen gibt. Simon zieht sich als Eremit zurück, tut heilsame Wunder und erfährt eine apotheotische Verklärung.

Die skurrile Mischung aus hartem Realismus und religiöser Überhöhung hinterlässt einen etwas ratlosen Eindruck. Die Tonsprache Žebeljans und die wundersame Reise Simons mit Anspielungen auf die Moses-Geschichte, den glücksuchenden „Faust“, an das Schicksal des Ödipus und natürlich an etliche serbische Quellen entspricht nicht gerade dem, was heute als zeitgenössisches Musiktheater angesagt ist.

Regisseur und Bühnenbildner Dijkema versucht erst gar nicht, das dramaturgisch simpel gestrickte Werk modernistisch aufzupeppen. Überdrehte Auftritte wie der der drei missratenen Söhne eines alten Weibs oder die emotionalen Ausbrüche Annas nach der Identifizierung ihres Sohnes stehen in schroffem Kontrast zu den nazarenerhaft frömmelnden Schlussszenen. Das schlägt sich in der Musik nieder, die am stärksten wirkt, wenn sich das Orchester mit einer folkloristischen Banda mischt.

Musical Auch wenn oder gerade weil das Klangbild eher zersplittert wirkt, haben Valtteri Rauhalammi und die Neue Philharmonie Westfalen knifflige rhythmische Herausforderungen zu bestehen. Aufgaben, die sie, aber auch das auf Serbisch singende Ensemble auf hohem Niveau erfüllen.

Kompliment ans Ensemble

Piotr Prochera überzeugt mit seinem etwas rauen Bariton als rotschöpfiger Simon. Extrovertierter angelegt ist die Rolle der Anna, der Gudrun Pelker mehr als ausreichendes dramatisches Profil verleiht. Ein Kompliment verdient das vielköpfige Ensemble des Musiktheaters im Revier einschließlich des Chores und der Statisterie, die allesamt dem Werk eine angemessene Uraufführung bescherten.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten einschließlich der anwesenden Komponistin.