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"Wir alle glauben an den einen Gott"

19.12.2008 | 18:46 Uhr

Berlin. Wie bitte? Ein muslimischer Führer im Jüdischen Museum? "Warum nicht?" fragt Murat Akan zurück. "Ich bin übrigens nicht nur Muslim. ...

Murat Akan vor einem Modell des Berliner Jüdischen Museums (Foto: Nicole Maskus)

... Ich bin auch gebürtiger Hamburger, Familienvater und Historiker." Soll heißen: Könnt ihr bitte mal aufhören, die Leute in Schubladen zu stecken? Horst Grabisch ist keiner, der Leute in Schubladen steckt. Horst Grabisch ist Geschichtslehrer in einer niedersächsischen Realschule und hat an diesem grauen Morgen im Advent für seine Zehnt-klässler eine Führung durchs Jüdische Museum in Berlin gebucht. Dass ausgerechnet ein Muslim die Klasse begrüßt - damit, sagt er nachher, hätten sie ihn dann doch zuerst auf dem falschen Fuß erwischt. Aber in Ordnung: "Das ist eben gelebte Toleranz."

Führungen für Schulklassen mit muslimischen Kindern

Murat Akan ist 30 Jahre alt und einer von drei muslimischen Führern im Jüdischen Museum. "Ich bin gläubig, aber nicht praktizierend", sagt der Historiker, der nicht nur im Museum, sondern auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und im Anne Frank Zentrum arbeitet. Im Jüdischen Museum bieten sie seit drei Jahren Führungen an, die sich besonders an Schulklassen mit muslimischen Kindern richten - Titel: "Ist das im Islam nicht auch so?"

In Horst Grabischs Klasse gibt es keine muslimischen Kinder. Dass aber "Du Jude!" heute ein gängiges Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen ist, das wissen auch die Zehntklässler aus der niedersächsischen Provinz. Was sie seltener erfahren: Dass unter muslimischen Jugendlichen antisemitische Sprüche im Kommen sind.

"Ich bin kein Brückenbauer", sagt Murat Akan. "Brücken gibt es schon seit Jahrtausenden zwischen den Religionen."

Was dann?

"Ich bin derjenige, der den Leuten diese Brücken zeigt." Zum Beispiel solche zwischen Juden und Muslimen: Das Bilderverbot, die strengen Speiseregeln, die Beschneidung der Jungen. Akan erinnert die Realschüler, dass Christen, Muslime und Juden alle an den einen Gott glauben. "Wenn man sich das in Ruhe überlegt", sagt Akan, "dann muss es ja eigentlich derselbe sein."

Die Sechzehnjährigen trotten unbeeindruckt weiter. Vielleicht ist ihnen die Frage egal, vielleicht haben sie das Thema im Unterricht schon durchgekaut. Vielleicht macht Akan auch bloß zu wenig Wirbel. Er ist eben Historiker, kein Prediger.

Akan zeigt den Schülern ein Paket, das eine Berliner Jüdin kurz vor ihrer Deportation bei einer Nachbarin abgegeben hat. Insa und Kristina lehnen sich lässig an die Wand. Ihre Rücken verdecken das Wort Bergen-Belsen. "Das ist nicht weit von uns", sagt Horst Grabisch. Und: dass es schwer ist, die Schüler für die Verbrechen der NS-Zeit zu interessieren.

"Wir haben das alles, den Holocaust und so, doch schon im Unterricht durchgenommen", sagt Insa nachher. Wozu jetzt noch in dieses Museum? Mitschüler Janek sieht das anders: "Bis jetzt war das hier das Interessanteste in Berlin."

Akan lässt die die Sechzehnjährigen in einen stockdunklen Schacht treten, es ist kalt, hinter ihnen fällt die Tür zu. Es ist der Holocaust-Turm. Einen Moment lang ist es still. Dann giggeln einige Mädchen los. "Wie lange müssen wir denn jetzt hier drin bleiben?" kräht eine. Niemand kommt auf die Idee, einfach wieder hinauszugehen. Endlich kommt Akan und öffnet die Tür.

Die Führung ist zu Ende. Die nächste Klasse schiebt sich durch den Eingang. Berliner Schüler, mindestens die Hälfte sind muslimisch. Sie sind wach, aufgekratzt und umringen ihre Führerin. "Wo kommen Sie her?" fragt einer der türkischen Jungs. "Mein Papa ist Jude, meine Mama ist russisch-orthodox." Die Antwort kommt schnell und stolz. Die Jungs nicken anerkennend. Dieser Frau werden sie zuhören.

Von Julia Emmrich

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