Wie das Portal Napster die Musikbranche auf den Kopf stellte

Napster hat Metallica-Frontmann James Hetfield so richtig sauer gemacht.
Napster hat Metallica-Frontmann James Hetfield so richtig sauer gemacht.
Foto: Herbert P. Oczeret
Was wir bereits wissen
Die Tauschbörse brachte mit irrem Tempo alte Geschäftsmodelle zum Einsturz: Metallica führte gar Krieg gegen das Portal - der wirkt bis heute nach.

Essen.. Der 4. Mai 2000 war der Tag, an dem Metallica spießig wurde. Jedenfalls empfanden das damals viele so, die der Heavy-Metal-Band nicht zugetraut hätten, dass sie sich um so etwas Piefiges wie das Verfolgen mutmaßlicher Raubkopierer kümmern würde. Für manchen verwandelte sich die Rockstar-Aura von Frontmann James Hetfield in die eines Versicherungsfahnders.

Denn die Rocker hatten die Namen von mehr als 300.000 Internet-Nutzern sammeln lassen, die sich Metallica-Songs vom Musiktausch-Portal Napster heruntergeladen hatten. Wohlgemerkt: ohne für das Liedgut zu bezahlen.

Die Katze kam zur richtigen Zeit

Ein Gespenst ging um in der Musikindustrie. Oder vielmehr eine blaue Katze mit Kopfhörern. Sie war das Markenzeichen des Portals, das damals nicht weniger als eine Revolution im Musikbusiness auslöste. Plötzlich waren die bis dato nahezu unantastbaren Werke vor allem erfolgreicher Bands völlig kostenlos im Netz verfügbar. Das Portal ebnete einer neuen Kostenlos-Kultur den Weg: Warum sollte jemand noch Geld für Musik bezahlen?

Internet-Hypes "Als Napster kam, war das für die Branche ein Schock. Das war ja der Moment, als der Komet Internet wirklich auf die Erde getroffen ist", sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie. "Dass E-Commerce eine wachsende Rolle spielen würde, war klar. Aber dass das so schnell solche Ausmaße annimmt, hat damals keiner vorhersehen können", so Drücke.

Die blaue Katze war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Mitte der 90er verbreitete sich das MP3-Verfahren, mit dessen Hilfe ehemals große Sound-Dateien auf Mini-Größe geschrumpft werden. Viel mehr Lieder passten auf die Festplatten und ließen sich wesentlich komfortabler über das Internet verteilen.

Der 56k-Modem-Pöbel hatte es schwerer

Die neue Peer-to-peer-Technik von Napster machte praktisch jedes Lied verfügbar: Das Programm durchsuchte die Festplatten aller Nutzer nach MP3-Dateien. Die Suchergebnisse waren für alle anderen über einen zentralen Server sicht- und tauschbar. Ein ganzes Musikalbum war in damals spektakulär schnellen drei bis vier Stunden auf der Festplatte. Und für all die ungeduldigen ISDN-Nutzer, denen der Neid des 56k-Modem-Pöbels gewiss war, ging es sogar noch schneller.

Das kostenlose Programm Winamp setzte sich schnell als Abspielsoftware für die geladenen MP3-Dateien durch. Wer allerdings das Original-Design der Benutzeroberfläche, die vorwiegend in grau und grün gehalten war, behielt, bewies Mangel an Geschmack und wenig Sinn für Individualität: Der gemeine Freund kostenloser Musik zeigte sich gern als Ästhet. Im Netz kursierten sogenannte "Skins", also digitale Häute, mit denen Winamp aufgepeppt werden konnte. Das Programm verkleidete sich damit optisch als alter Schallplattenspieler, Röhrenverstärker, Dampfmaschine, futuristische Gasmaske oder schlicht als simpler Hintergrund für Bilder von jungen Frauen und/oder Männern in vornehmlich kleidungslosem Zustand.

Grüne Leuchtschrift wie im "Matrix"-Film

Winamp gibt es immer noch, aber seit moderne Menschen Individualität gern mittels origineller Smartphone-Schutzhüllen zum Ausdruck bringen, haben zumindest die Skins an Bedeutung verloren. Damals aber war schwer angesagt: Der Winamp im Look des ersten Matrix-Films inklusive vertikal fließender grüner Leuchtschrift: Die war damals noch überhaupt nicht peinlich oder abgeschmackt. Digitale Knöpfchen in Chrom-Optik regeln die Lautstärke: Und dann dröhnt Metallicas "The Unforgiven" über die voll aufgredrehten Computerboxen - boah ey!

Apropos "The Unforgiven": Auch die Musiker von Metallica waren nicht bereit, zu vergeben - nämlich Shawn Fanning, der die Tauschbörse Napster 1998 entwickelt hatte. Der Student, der damals in Internetforen unter dem Nicknamen "Napster" unterwegs war, hatte das Portal für seine Kommilitonen geschaffen, die so ihre Musik leichter untereinander tauschen konnten.

Napster-Erfinder provoziert mit Metallica-Bandshirt

Weil die Tauschbörse so gut ankam, brach Fanning sein Studium ab und gründete "Napster Incoporated". Die Zugriffszahlen stiegen weltweit in kürzester Zeit explosionsartig an - bis zu 80 Millionen Menschen tauschten über die Börse ihre Musik.

Shawn Fanning erlangte schnell Berühmtheit. Sein Gesicht zierte das Titelbild des "Time"-Magazins und er war zu Gast bei einer MTV-Music-Award-Verleihung: Dort erschien er mit Metallica-T-Shirt auf der Bühne. Das Shirt teile er sich mit einem Freund, sagte Fanning süffisant in Richtung Publikum, wo auch Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich saß. Der reagierte auf die Provokation mit demonstrativ gelangweilter Pose, die er gar zu einem vorgetäuschten Nickerchen steigerte.

Überhaupt nicht verschlafen zeigte sich die Band bei ihrer Jagd auf Napster und die Nutzer. Mit Rapper Dr. Dre bildeten die Musiker eine Allianz der Rechteinhaber und ließen Hunderttausende Napster-User abmahnen.

"Rechte der Kreativen müssen geschützt werden"

Auch in Deutschland wurden viele Nutzer der Software abgemahnt. "Das war damals letztlich die einzige Möglichkeit, die wir wirklich hatten, um gegen Rechtsverletzungen vorzugehen. Glücklich waren wir darüber auch nicht", sagt Drücke und betont: "Die Rechte der Kreativen und ihrer Partner müssen geschützt werden. Am Urheberrecht hängen mehr oder weniger sämtliche Geschäftsmodelle der Kultur- und Kreativwirtschaft."

Doch trotz Abmahnverfahren und Klagen gegen Napster - die blaue Katze war nun mal in der Welt und veränderte sie ein für allemal. Die Menschen hatten sich schnell daran gewöhnt, Musik nicht mehr von der Platte zu hören, sondern in digitaler Form auf dem PC oder dem MP3-Player. "Der Umsatz im deutschen Musikmarkt ist zwischen 2000 und 2010 um 40 Prozent zurückgegangen", so Drücke.

"Den richtigen Mix gibt es nicht"

Die Branche musste umdenken, um zu überleben, das Streaming von Musik war zu einer ernsthaften Konkurrenz zur CD geworden. "Wir mussten herausfinden: Was ist der richtige Mix aus rein digitalen Musikangeboten und physischen Tonträgern?", sagt Drücke.

Musik Wobei es den richtigen Mix eigentlich gar nicht gebe: "Für den Nutzer ist es jetzt eine extrem spannende Zeit, denn er hat jede Möglichkeit, Musik zu hören, und viele nutzen mehrere Möglichkeiten. Sei es per Stream, auf CD oder Schallplatte. Diese Arten der Nutzung existieren parallel.“

Die CD sei seit Jahren totgesagt, trotzdem würde sie nach wie vor angenommen: "Die Verkäufe machen in Deutschland heute noch immer zwei Drittel des Umsatzes aus." Viele Fans wollten die Musik ihrer Band nicht nur als Datei auf dem Rechner, glaubt Drücke. Für diese Zielgruppe biete die Industrie Sammlerboxen mit Booklet und als Schallplatten-Version an.

Von Spotify kann kaum einer leben

Florian Drücke gibt sich hoffnungsfroh. Die anfängliche Kostenlos-Kultur in den Anfangstagen des Musik-Streamings gibt es so nicht mehr, glaubt er. "In der Gesellschaft findet seit einigen Jahren ein Umdenken statt. Uns wird mehr Verständnis entgegengebracht. Viele verstehen, dass Geschäftsmodelle am Markt nicht funktionieren können, wenn es illegale Alternativen gibt.“ Sprich: Wenn keiner mehr für die Musik bezahlen mag, wird es bald keine mehr geben.

Auch die Musiker mussten sich umstellen. In den 80ern und 90ern waren Konzert-Touren für erfolgreiche Bands vor allen Dingen Werbeveranstaltungen für das neueste Album. Heute sind Liveauftritte wieder eine feste, wenn nicht gar die wichtigste Einnahmequelle. Ist die Zeit der Plattenmillionäre vorbei? "Musiker müssen heute eben anders planen. Der individuelle Strategiemix zwischen physischem Produkt, Online-Communities, Digitalmarkt und Live-Geschäft ist dabei sehr unterschiedlich." Der Plattenverkauf als einziges Standbein - das funktioniert jedenfalls offenbar nicht mehr.

Spotify Die Erlöse aus Online-Verkäufen sind indes bescheiden: Ungefähr einen halben Cent verdienen Musiker pro Song, der zum Beispiel beim Musikportal Spotify gestreamt wird. Manche Künstler (wie zuletzt US-Countrypop-Star Taylor Swift) bieten ihre Lieder dort mittlerweile nicht mehr an, weil ihnen der Verdienst zu gering ist.

"Von Spotify und anderen Streaming-Anbietern allein können aktuell nur die wenigsten leben, zur Zeit ist es primär eine zusätzliche Einnahmequelle", erklärt Drücke.

Fast wäre er ein Mark Zuckerberg geworden

Und was wurde aus Napster? Man könnte sagen: Ohne Metallica wäre aus Shawn Fanning vielleicht ein Mark Zuckerberg geworden. Ähnlich wie Zuckerbergs Facebook verbreitete sich seine Erfindung aus Studententagen rasant im Netz - binnen weniger Monate entwickelte sich Napster zur bis dato am schnellsten verbreiteten Software, die es jemals gegeben hatte. Doch nachdem die Recording Industry Association of America (RIAA) das junge Unternehmen schließlich stellvertretend für die ganze Musikindustrie wegen Urheberrechtsverletzung verklagte, ging es mit der blauen Katze stetig bergab.

Facebook In einem letzten Versuch, Napster zu retten, integrierten die Entwickler einen Filter in die Software, um Downloads geschützter Titel zu verhindern: Die User hatten auch Musik auf ihren Festplatten, die weiterhin legal getauscht werden durfte - etwa Lieder von unbekannten Künstlern, die so ihre Werke verbreiten wollten. Allerdings arbeitete der Filter lausig und war mit einem einfachen Trick zu umgehen: Sounddateien mit dem Namen EtallicaM etwa erkannte der Filter als legale Datei, obwohl sich dahinter nichts anderes als Musik von Metallica verbarg.

Im Februar 2001 ging Napster schließlich in die digitalen Jagdgründe verstorbener Internet-Hypes ein.

Die Welt der Orks war noch nicht bereit

Fanning versuchte es weiter im Tauschbusiness mit seiner neuen Firma Snocap, die 2007 aber ebenfalls einging. Später startete er das Netzwerk Rupture: Eine Art Facebook für die Figuren von Nutzern des Onlinespiels "World of Warcraft". Die Idee klang gut, aber die Welt der Orks und Zwerge war offenbar noch nicht bereit. Jedenfalls floppte auch Rupture. Immerhin bescherte ihm seine Misserfolgsgeschichte eine kleine Nebenrolle im Hollywood-Thriller "The Italian Job": Dort spielte er eine Version seiner selbst, die die Idee zu Napster einem Kumpel klaut.

Sein Werk Napster kaufte der Bertelsmann Verlag, heute ist das Programm ein legaler Streamingdienst, der sich gegen die Konkurrenten Spotify oder iTunes nicht ansatzweise durchsetzen kann. Gegen Programme also, die es ohne Napster wohl nie gegeben hätte.