Westfalen im Walzerfieber
02.01.2010 | 09:49 Uhr 2010-01-02T09:49:00+0100
Hagen. Das Neujahrskonzert der Hagener Philharmoniker ist traditionell ebenso beliebt und entsprechend ausverkauft wie das berühmte Pendant im Wiener Musikvereinssaal. Das Konzert begeistert das Publikum mit vielen Überraschungen.
Zum Auftakt des Kulturhauptstadtjahres schlägt Generalmusikdirektor Florian Ludwig mit seinem Orchester funkensprühende musikalische Brücken zwischen Wien und Paris und lässt ein regelrechtes Feuerwerk mitreißender Melodien erklingen.
Operette und Walzer sind undenkbar ohne die Zeitungen, die in der Ära der Industrialisierung entstehen - dem bürgerlichen Zeitalter, in dem Konzerte erstmals für alle gegen Eintrittsgeld zugänglich werden. Jacques Offenbach, der kosmopolitische Kölner in Paris, sowie Johann Strauß Sohn, der weltläufige tourneeerprobte Wiener Walzerkönig, sind die Urväter der kunstvollen leichten Muse.
Kompliment an die Presse
Strauß' „Orpheus-Quadrille" entsteht nach einem Besuch der Offenbach-Operette „Orpheus in der Unterwelt” in Wien unter dem Eindruck des Höllen-Cancan. Seine „Figaro-Polka” ist ein Dankeschön an den Chefredakteur der gleichnamigen Pariser Zeitung, der dem Komponisten mit seiner Berichterstattung die Säle füllt und ihm anlässlich der Pariser Weltausstellung zu Weltruhm verhilft. Die „Morgenblätter” von Strauß Junior und Offenbachs „Abendblätter” gehen sogar als Auftragsarbeit direkt auf den Wiener Journalistenverein zurück. Bei diesem Kompositions-Duell lernen sich Offenbach und Strauß Sohn endlich kennen: die „Abendblätter” sind der erste Walzer des Operetten-Erfinders, der umgekehrt dem Kollegen jetzt den Anstoß zur „Fledermaus” gibt, verrät Florian Ludwig, der den Abend moderiert.
Der „Pariser Walzer” von Johann Strauß Vater, Franz von Suppés Ouvertüre zur „Schönen Galathee”, Offenbachs „Rheinnixen”-Ouvertüre und Charles Gounods „Trauermarsch für eine Marionette” machen die Achse Paris-Wien-Hagen perfekt. Doch die leichte Muse ist alles andere als simpel zu spielen. Florian Ludwig und die Hagener Philharmoniker beweisen mit Präzision und Temperament, warum das Orchester der Stolz der Stadt und der ganzen Region ist: wegen seiner Klangkultur und seiner Spielfreude und wegen seiner herzlichen Verbundenheit mit dem Publikum.
Dazu kommt die soziale Verantwortung, zu der sich die Musiker nicht nur im Bereich der Integrationsarbeit bekennen. So gehört traditionell eine Spendensammlung zum Programm des Neujahrskonzertes, der Erlös von immerhin 4600 Euro geht an die Kindertafel Hagen. „Im vorigen Jahr haben wir ein Hilfsprojekt für Afrika gefördert, ich möchte abwechselnd Initiativen im Ausland und vor Ort unterstützen", so Florian Ludwig.
Das Walzer-Duell
Wer den jungen, pfiffigen GMD kennt, weiß, dass er es auch beim Neujahrskonzert nicht beim üblichen Dreivierteltakt belässt, sondern gerne Überraschungen serviert: Die Suite aus Georges Bizets „L'Arlesienne" ist wunderbare und von Herzen schön gespielte Musik, die das neue Jahr mit der wilden Farandole schwungvoll einläutet und Lust auf viele philharmonische Erlebnisse macht.
Für Hagens neuen Oberbürgermeister Jörg Dehm beginnt 2010 jedenfalls mit einer klangvollen Überraschung. Das Stadtoberhaupt hat als erster OB in der Geschichte Hagens die Ehre, den Radetzky-Marsch zu dirigieren, die Zugabe, die neben der „Schönen blauen Donau” nie fehlen darf. Dehm beweist mit dem Taktstock reichlich Augenmaß. „Wir wünschen ihm das Geschick, an den Stellen zu sparen, die dazu führen, dass diese Stadt wieder blüht, wächst und gedeiht”, übergibt Ludwig seinen Stab, und Dehm kontert: „Wenn wir im Rat der Stadt gemeinsam agieren, ist das selten so harmonisch wie hier auf der Bühne.”
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