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Musikpsychologie

Warum wir Deutschen nicht mehr gemeinsam singen

20.07.2009 | 08:29 Uhr
Warum wir Deutschen nicht mehr gemeinsam singen

Frankfurt/Main. Singen ist in Deutschland aus dem Alltag verschwunden. Das liegt daran, dass es im Dritten Reich ideologisch missbraucht wurde, meint Musikpsychologe Karl Adamek. Dabei fördert Singen die gesunde Entwicklung von Kindern.

Weil im Dritten Reich das gemeinsame Singen ideologisch missbraucht wurde, ist es heute weitgehend aus dem Alltag verschwunden. Singen fördert aber die geistige, seelische und körperliche Entwicklung von Kindern, wie der Musikpsychologe und Soziologe Karl Adamek erklärt.

Warum wird heute im Alltag so wenig gesungen, und seit wann ist das so?

Karl Adamek: Das gemeinsame Singen war in der Nazi-Zeit ideologisch allgegenwärtig. Man kann von einem Missbrauch des Singens als Form der gesellschaftlichen Manipulation sprechen. Das hat ab Mitte der 60er Jahre dazu geführt, dass man gemeinsames Singen generell als eine Art Manipulation der Gefühle gesehen hat. Da wir eine aufgeklärte Gesellschaft werden wollten, war das gemeinsame Singen in den demokratisch fortschrittlichen Bewegungen eher verpönt. So kam es, dass man in der Neubestimmung von Unterricht und Kindergarten sagte, das gemeinsame Singen ist antiquiert, das brauchen wir nicht mehr.

So verschwand das Singen seit Mitte der 60er Jahre weitestgehend auch aus der Ausbildung von Lehrern und Erzieherinnen und damit schrittweise dann auch aus dem Alltag und der Gesellschaft. Dennoch hatten wir natürlich auch kleine Gegenbewegungen, etwa auf Festivals, weil das Singen einfach ein Grundbedürfnis des Menschen ist - aber im Alltäglichen ist Singen peinlich geworden.

Heißt das, dass es diese Entwicklung in anderen Ländern nicht gibt?

Adamek: Diese eben angesprochene Tabuisierung ist eher spezifisch deutsch und wirkt dort sehr stark. Aber in fast allen modernen Gesellschaften ist das gemeinsame Singen heute weitgehend verschwunden. Davon sind auch zunehmend - wenn auch nicht in gleichem Maße - Länder wie England, Wales oder Irland betroffen, wo besonders auf das gemeinsame Singen geachtet wurde. Auch in den osteuropäischen Ländern, wo man sich noch vor 30 Jahren kein Fest vorstellen konnte, auf dem nicht gemeinsam gesungen wurde - das war einfach normal -, verschwindet das Singen seit 1989 zunehmend. Gemeinsames Singen gilt als unmodern.

Aber es gibt noch weitere Faktoren, die mit der Moderne zu tun haben: Wir haben eine zunehmende Urbanisierung, das heißt, die Menschen wohnen enger zusammen. Wenn man dann also wie früher auf dem Lande bei der Arbeit singt, dann ist das für andere störend. Es sind aber keine entsprechenden Orte gebaut worden, wo Menschen singen können, vergleichbar Sportplätzen zum Sporttreiben. Außerdem haben sich die Kommunikationsstrukturen durch die modernen Medien verändert. Allgemein wird nicht nur weniger gemeinsam gesungen, sondern auch weniger miteinander gesprochen. Es gibt also mehrere Momente, durch die dieses Bedürfnis des Menschen langsam in den Hintergrund rückt - aber das geht so langsam, dass es dem Einzelnen kaum auffällt.

Welche Auswirkungen hat das Verschwinden des gemeinsamen Singens?

Adamek: Wenn man von der Funktion ausgeht, die Singen eigentlich vom Kern her hat, muss man sagen, eine Gesellschaft, in der nicht einfach mal so gemeinsam gesungen wird, ist eher anfällig für atomisierende Prozesse. Das heißt, die soziale Bindekraft innerhalb der Gesellschaft - eine wichtige Funktion des gemeinsamen Singens - verfällt. Außerdem kann man Angst schlechter bewältigen. Singen ist eine optimale Form, um das Gehirn auf Vertrauen zu polen, der Mensch kann sich immer wieder in Vertrauen hineinsingen. Es ist eine Form, die ständig unterschwellig vorhandene Angst zu bewältigen. Das ganze endokrine System wird beim Singen aktiviert, Singen bringt das Hirn in einen optimalen Zustand. Und weil Singen friedlich macht, fehlt mit dem Wegfall des gemeinsamen Singens jeder Gesellschaft eine wichtige Ressource für ein friedliches Miteinander.

Was sind die Kernergebnisse Ihrer Untersuchung zu Vorschulkindern und Singen, die im Herbst erscheint?

Adamek: Singen fördert die geistige, seelische und körperliche Entwicklung von Kleinkindern. Kleinkinder, die viel gemeinsam mit den Menschen in ihrem Umfeld jenseits von Leistung spielerisch und absichtslos singen, sind altersgemäß schultauglicher als Kinder, die dies nicht tun. Viel singende Kleinkinder lernen besser Sprechen, haben ein positiveres Sozialverhalten und sind auch in vielen anderen wichtigen psychischen und physischen Enwicklungsdimensionen besser entwickelt, die man heute bei Kindern messen kann. So fördert Singen vor allem auch, dass die Kinder glücklicher und ausgeglichener sind, dass sie ihre Aggressionen besser regulieren können.

Das heißt: Singen fördert die gesamte Entwicklung der Kinder, und zwar in einem größeren und vor allem umfassenderen Maße als zum Beispiel Sport. Deshalb kann man sagen, die Entfaltung des Singens ist so wichtig für die Entwicklung der Fühlfähigkeit und damit des Mitgefühls wie die Entfaltung des Sprechens für die Entwicklung der Denkfähigkeit. Deshalb rutschen wir ohne gemeinsames Singen perspektivisch immer mehr in eine gefühlskalte Gesellschaft, in der es nichts Gemeinsames mehr gibt. Die Gesellschaft wird zunehmend desolat.

Was fordern Sie vor diesem Hintergrund für die Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrern?

Adamek: In ihre Ausbildung muss die Förderung des gemeinsamen Singens wieder integriert werden, damit sie mit den Kindern ganz frei ohne Leistungsanspruch einfach nur singen können. Es geht dabei also nicht um das Singen nach Noten oder als Leistung, sondern um das Singen als Sozialform, als Seinserfahrung. Singen ist eine Form, sich selbst zu spüren. Das Singen als Leistung bringt Kinder auf eine ganz andere, falsche Schiene, weil sie dann «richtig» sein wollen, sich aber viel weniger oder gar nicht mehr selbst spüren. Wenn Singen irgendwo wieder aufgenommen wird, geht es gleich in die Richtung «Deutschland sucht den Superstar». Aber als Psychologen oder Soziologen sehen wir, dass diese Kinder in eine Art Narzissmus getrieben werden, sie müssen sich produzieren, und meinen, für Leistung bekämen sie Liebe. Aber das wird nicht gelingen, das werden ganz arme Würstchen.

Wie sehen Sie die Chancen auf eine Änderung?

Adamek: Singen ist ein Elixier für gelingendes Leben auf allen Ebenen. Die Erkenntnisse über die positiven seelischen, körperlichen und sozialen Wirkungen des Singens verbreiten sich seit Jahren und fördern eine langsame Renaissance des Singens als Lebensart, auch wenn im Alltäglichen das gemeinsame Singen für die meisten eher noch peinlich ist. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die mittelfristig auch an Kindergärten und Schulen nicht vorbeigehen wird. (ap)

DerWesten

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Kommentare
19.07.2009
13:58
Warum wir Deutschen nicht mehr gemeinsam singen
von mausefritzchen | #1

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass gemeinsames Singen die Musikalität eines (Klein-)Kindes entscheidend fördert. Gleichzeitig ist damit eine enorme Steigerung der Lebensfreude und -Qualität verbunden. Zu meinen eigenen schönsten Erinnerungen gehören gesellige Stunden mit vereintem Singen und Musizieren unter Freunden.
Da mein Sohn unter die Musiker gegangen ist und über einen Proberaum verfügt, habe ich auch für mich selbst in eben diesem schon längst entdeckt, wie wohltuend und befreiend sich ungehemmtes Singen auswirkt. Die Seele kann sich ausleben, und nachher fühlt man sich so frisch wie nach einem Saunabesuch!
Wer sich berufen fühlt (und meine Weltanschaungen im Groben teilt), könnte es ja mal mit mir gemeinsam erproben.. :-)

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