Wagner - das widersprüchliche Genie
12.02.2008 | 18:36 Uhr 2008-02-12T18:36:05+0100Wenn man mit dem Vaporetto auf dem Canale Grande in Venedig dahingleitet, grüßt in der Reihe der vorüberziehenden Prachtbauten auch die stolze Renaissence-Fassade des Palazzo Vendramin-Calergi. Hier starb Richard Wagner am 13. ...
... Februar 1883 an einer Herzattacke, heute vor 125 Jahren. Wagner war dem deutschen Winterklima entflohen und hatte in Venedig die Sonne gesucht. Doch auch hier peitschten Regensträhnen durch die Lagune. In der Trauergondel trat der Komponist seine letzte Reise an - seine Witwe Cosima ließ ihn nach Bayreuth überführen. Im Garten der Villa Wahnfried wurde er begraben.
Richard Wagner, am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren, gehört zu den visionären Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts. Thomas Mann nannte ihn "das größte Talent der Kunstgeschichte", das die Menschen bezauberte und die Oper revolutionierte. Er schuf das Musikdrama, ein aus der Wiederbelebung der antiken Tragödie entwickeltes "Gesamtkunstwerk" als Einheit von Text, Musik, Bühnenausstattung und Darstellung. Und er nahm auch literarisch zu vielen Themen seiner Zeit Stellung - ausschweifend, kritisch, klug mitredend, leider auch polemisch und antisemitisch.
Legendäre Tetralogie über eine aus den Fugen geratene Welt
Seine frühen Werke waren freilich noch der Tradition verpflichtet. Mit dem "Fliegenden Holländer" begab er sich auf das Gebiet der deutschen romantischen Oper à la Weber und Marschner. Im "Ring des Nibelungen" verwirklichte er seine Idee des Gesamtkunstwerks dann mit einer mächtigen Tetralogie über Macht und Ohnmacht in einer aus den Fugen geratenen Welt. Am Ende seines Schaffens stand das in die Sphären des heiligen Grals führende Bühnenweihfestspiel "Parsifal".
Wagners Kunst wurde zwiespältig aufgenommen. Von seinen Anhängern enthusiastisch zum Mythos erhoben, wurde sie auch leidenschaftlich kritisiert. Die von Pathos und üppigem Klangzauber erfüllte Musik wurde oft missverstanden und sogar missbraucht, von den Nazis als Propagandakunst genutzt.
Ein glückliches Geschick bescherte dem Komponisten 1864 nach Hungerjahren in Paris und nach Flucht und Exil in der Schweiz (er hatte als Revolutionär am Dresdner Aufstand 1849 teilgenommen und wurde steckbrieflich verfolgt) die Begegnung mit dem romantisch schwärmenden bayrischen Märchenkönig Ludwig, der dem Luxus liebenden Komponisten ein finanziell sorgenfreies Leben und Schaffen ermöglichte. Wagner konnte sich seinen Lieblingswunsch erfüllen: ein eigenes Theater für seine Werke; die er "vor dem Schicksal einer gemeinen Opernkarriere bewahrt" wissen wollte.
"Parsifal" sollte nur im Festspielhaus aufgeführt werden
Vor allem sein "Parsifal" sollte nur im neuen Festspielhaus auf dem grünen Hügel in Bayreuth aufgeführt werden. 1876 konnte Wagner hier die ersten Festspiele mit dem "Ring" eröffnen - mit einem eklatanten Defizit. Seine Vorstellung, Volksfestspiele für ein kunstbegeistertes Publikum zum Nulltarif zu veranstalten, scheiterte an der Realität. Erfolgreicher waren die zweiten Festspiele 1882 mit 16 Aufführungen des Parsifal. Man pilgerte nun - und das bis heute - nach Bayreuth zu einem außergewöhnlichen Event und Touristenziel. Die Karten wurden immer rarer. Zur Zeit muß man bis zu zehn Jahre warten, um einen Sitzplatz zu bekommen.
Heute werden Wagner-Werke überall auf der Welt gespielt. In Bayreuth hatten nach dem zweiten Weltkrieg die Enkel Wieland und Wolfgang die Festspiele vom faschistischen Makel entrümpelt. Später drangen auch neueste Ideen ein. Der "Jahrhundert-Ring" von Patrice Che?reau spaltete das Publikum, mehr noch die exorbitante Auslegung des "Parsifal" von Christoph Schlingensief. Im letzten Jahr erntete Urenkelin Katharina Wagner für die politische Deutung der "Meistersinger von Nürnberg" heftiges Pro und Kontra. Angesichts der anstehenden Nachfolgeregelung für den 88-jährigen Wolfgang Wagner in der Leitung der Festspiele wird man sich Gedanken machen müssen, wie man ihre Einmaligkeit bewahren kann. Neue Konzepte sind gefragt.
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