Thomas D: Man lebt nur zweimal
16.11.2008 | 06:46 Uhr 2008-11-16T06:46:00+0100
Essen. Thomas D (Dürr), im Hauptberuf 25 Prozent der Rap-Formation Die Fantastischen Vier, versucht sich wieder solo: DerWesten sprach mit dem 39-Jährigen übers neue Album „Kennzeichen D”. Unter anderem verarbeitet er darauf ein Nahtod-Erlebnis.
„Kennzeichen D“ enthält 18 neue Stücke. Eines der emotionalsten ist „An alle Hinterbliebenen“, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Was gab Anlass zu dem Song?
Thomas: Ich habe 2004 in Thailand den Tsunami überlebt, hatte aber keine Lust, das an die große Glocke zu hängen. Gemeinsam mit meiner Frau und meiner eineinhalbjährigen Tochter machte ich Urlaub in Khao Lak. Der Ort ist damals unheimlich verwüstet worden. Ich fand es unangemessen, wie sich Promis damit brüsteten, von der Katastrophe ein bisschen was mitgekriegt zu haben.
Wo waren Sie, als die tödliche Welle kam?
14.12. Köln (Live Music Hall). Karten (31 €) gibt's in unseren TICKET-SHOPs: 01805/280123, www.DerWesten.de/tickets
Thomas: Mittendrin. Wir haben die volle Breitseite abgekriegt. Wir waren 20 Meter vom Strand entfernt und die Welle spülte uns vier Kilometer ins Landesinnere. Meine Frau wurde zwischen einer Hängematte und einer Kabeltrommel eingeklemmt. In dem Moment dachte ich, sie das letzte Mal zu sehen. Meine Tochter konnte ich jedoch mit einem Arm festhalten. Ich empfand keine Panik, sondern eher eine große Ruhe. Ich dachte: „Einfach nur mit dem Strom fließen und bloß nicht widersetzen. Jetzt musst du nur noch ausatmen und dann war’s das!“ Gleichzeitig spürte ich, es war für mich nicht der richtige Moment zu sterben. Erstens mache ich selten Urlaub, gehe dabei auch kaum schwimmen. Zweitens bezahlt man als Schwabe für seinen Tod überhaupt nichts. (lacht) Es war eine psychedelische Erfahrung, bei der sich jedes Teil in meiner Körper dazu entschieden hatte, wieder aufzutauchen – mit meiner Tochter an der Hand. Das war kein Zufall, das war ein Wunder.
Wie haben Sie das Ganze verarbeitet?
Thomas: Beim Versuch, das Erlebte aufzuarbeiten, sah ich mir Wochen später die Berichte über die Katastrophe an. Die Grenze zwischen Leben und Tod war so schmal. Ich nahm mir vor, ein Lied zu schreiben, um den Menschen Trost zu spenden. Solch ein Text ist sehr fragil. Ein falscher Satz und du machst alles wieder kaputt.
Manche Menschen wenden sich nach Nahtod-Erlebnissen verstärkt dem Glauben zu. Wie war das bei Ihnen?
Thomas: Durch diesen Augenblick wurde mir klar, das Leben hat durchaus einen Sinn und eine Bestimmung. Es war nicht nur eine Aneinanderreihung von Zufällen, sonst wären meine Frau, meine Tochter oder ich gestorben. In Khao Lak kamen damals zwei von drei Touristen um. Meine Frau, die auf einer Palme wieder erwacht war, hatte im Nachhinein mit dem Trauma zu kämpfen, nicht für ihre Tochter da gewesen zu sein. Sie war überzeugt, dass die Kleine gestorben war, bis wir sie vom Gegenteil überzeugen konnten.
Bei „Vergebung, hier ist sie“ schlüpfen Sie schließlich in die Rolle von Gott. Fühlten Sie sich von einer höheren Macht beauftragt, solch einen Song zu machen?
Thomas: Nein. Aus der Sicht eines Christen wäre es sicher sehr anmaßend, in die Rolle von Gott zu schlüpfen. Aus der Perspektive eines Buddhisten ist das aber viel besser zu verstehen, weil wir ja das Göttliche alle in uns haben. Für diesen Song habe ich eine vertraute Bildsprache gewählt: Der stolze Krieger Mensch, der alles um sich herum vernichtet hat, steht nun vor seinem Schöpfer und will sich seinen Lohn abholen. Gott sagt zu ihm: „Ich bin die Vergebung. Ich bin die Liebe. Aber du allein trägst die Verantwortung für deine Taten“. Ich fand es schön, die Leute mit diesem Song zu entlassen.
Ist das der hoch erhobene „moralische Zeigefinger“?
Thomas: Ich beobachte viel unbewusstes Verhalten bei den Menschen. Manchmal habe ich das Bedürfnis, darauf aufmerksam zu machen. Das ist ein schmaler Grat, auf dem ich mich immer wieder bewege. Sobald ich auf der Bühne stehe und die Menschen mir zuhören, bin ich der Prediger. Aber ich möchte auch, dass sich die Leute ihre eigenen Gedanken machen. Also versuche ich, die Verantwortung zum Einzelnen zurück zu bringen.
Manchmal klingt Thomas D sogar, als zeige er den gestreckten Mittelfinger. Was macht Sie so richtig wütend?
Thomas: Mit dem Song „Vergiftet im Schlaf“ mache ich mir richtig Luft und zeige auch mal den Mittelfinger. Es ist ein Song für alle, die sich von ihrem Frust befreien wollen. Zum Beispiel über die Situation der Tibeter. Seine Heiligkeit hat sogar mit dem Rücktritt gedroht. Das habe ich als ganz schlimm empfunden. Für mich ist der Dalai Lama ein Erleuchteter. Er kann doch nicht einfach zurücktreten. Dann hätte ja das Böse gewonnen. Aufregen kann ich mich auch über die Profitgier der Menschen. Mein Nachbar baut gerade ein neues Kuh-KZ und holzt dafür den halben Wald ab. Nicht nur, dass er Tiere quält; durch die Schneise läuft jetzt das Wasser anders ab und es kommt zu Überflutungen. Daran merkt man, wie sehr das ganze Ökosystem zusammen hängt. Wütend macht mich zudem, dass viele Leute ihren Müll achtlos in die Landschaft schmeißen. So was geht einfach nicht.
Können Sie Sich auch über Castingshows aufregen, bei denen jugendliche Hobbysänger vor die Kamera gebeten werden, um sich medienwirksam lächerlich zu machen?
Thomas: Der Song „15 Minutes Of Fame“ ist keine Abrechnung mit Castingshows. Ich gucke sie selber gerne, aber ich kann darüber lachen. Wie Andy Warhol schon sagte, jeder hat seine 15 Minuten Ruhm. Wer sich an solch einer Show beteiligt, sollte sich darüber klar sein, dass Ruhm vergänglich ist. Deshalb der Tipp an die jungen Menschen: „Genieße ihn, so lange er da ist. Du hast die Party deines Lebens.“ Die Teilnehmer werden natürlich verheizt, aber sie gehen da freiwillig hin. Deshalb ist es anders als bei der Tierquälerei. (lacht) Besser, man wird mit 20 desillusioniert als mit 45. Ich vermute, junge Menschen werden den Schock schnell überwunden haben.
Der Fanta-4-Manager Andreas „Bär“ Läsker ist Jurymitglied bei „Deutschland suchst den Superstar“. Wie denken Sie darüber?
Thomas: Ich fand es okay, wie der Bär es gemacht hat. Seit mein Sohn da ist, sehe ich aber nicht mehr so oft fern. Mit einem Baby hat man Besseres zu tun, als bis elf vor dem Bildschirm zu sitzen.
Wie schafft man es, Text und Musik wirklich verschmelzen zu lassen?
Thomas: Indem man sich von der Musik zu den Worten leiten lässt. Beim Schreiben wirft man sich oft Bälle untereinander zu. Das Schwierigste ist immer, eine Leichtigkeit hinzubekommen. Ein Album wie „Lektionen in Demut“, das sehr gewichtig und ernst daherkam, fällt mir sehr leicht. Aber diesmal wollte ich vor allem unterhalten und Spaß machen, ohne in Belanglosigkeit abzudriften. Ich wollte anspruchsvolle Inhalte in positive melodiöse Klänge verpacken.
Ihr Körper ist voller Tätowierungen. Gerade haben Sie sich neue stechen lassen. Welche Philosophie verbinden Sie damit?
Thomas: Meine Tattoos sind eine Mischung aus Superheldendress und Kriegerrüstung, die aber nicht schwer machen soll. Gleichzeitig sind sie ein Manifest, das besagt: Du wirst eh nie eine Lehre in einer Bank anfangen. Du kommst nicht mehr zurück in das normale Leben.
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