Tag der Schallplatte
Pro: Vinyl hat Substanz
12.08.2009 | 13:13 Uhr 2009-08-12T13:13:00+0200Essen. Die meisten Jahre meines Lebens wurden von der Schallplatte begleitet. Auch heute noch suche ich auf Flohmärkten die schönsten Schätze auf Vinyl.
Die Schallplatte hat derart intensiv meine popkulturelle Sozialisation begleitet und beeinflusst, dass ich mir ein Leben ohne überhaupt nicht vorstellen kann. Angefangen hat fast alles mit den Ausläufern der Beat-Ära, setzte sich fort mit den Schallplatten-und-Matratzen-Parties im Jugendheim sowie mit dem Glam-Rock-Verbot in der Oberstufe und endete zunächst in der Marianne-Rosenberg-Artschool-Phase.
Das In und Out in unseren Cliquen definierte sich über den Besitz und über die Kenntnisse der wichtigsten Scheiben, und an denen haben wir ausgiebig gefeilt. Falsche Turnschuhe oder falsche Frisuren gab es - im Gegensatz zu heute - damals noch nicht. Aber mit der falschen Platte am falschen Ort durfte man nicht auftauchen - das Woodstock-Album bedeutete zum Beispiel bei den Tanzschülern (und insbesondere bei den Tanzschülerinnen) das sichere Aus. Auf den Exkurs über den Einfluss der Schallplatte auf das Sexualleben der Jugendlichen muss ich aus Platzgründen leider verzichten.
Punk und Disco
Gegen Ende der 70er Jahre setzten dann Punk und Disco nicht nur neue Maßstäbe in den Bewegungsabläufen auf den Tanzflächen, sondern brachten auch eine neue Ästhetik (wenn nicht sogar zwei Ästhetiken) in den Plattenschrank - was digitalisierte Musik nie wird leisten können: Die 12" (zu Deutsch: Maxi-Single) mit speziellen und meist längeren Versionen sowie Kleinstauflagen von LPs und Singles mit selbstgemachten Covern.
In den nächsten Jahren wurden die Herausforderungen für Sammler spezieller, New Wave und Neue Deutsche Welle noch nicht einmal dazu gerechnet - ich habe mich ihnen gern gestellt. Einen Teil der Probleme ließen sich (in diesen komischen internetlosen Jahren) durch ein Abonnement von Fachzeitschriften wie Oldie-Markt, Record Collector oder Spiral Scratch lösen. Schwieriger war nur die Suche nach einem passenden Aufbewahrungsmöbel, bei dem man einige Schallplatten mit ihrer Vorderansicht komplett zu sehen sind: Wer Platten liebt, will schließlich auch die Covergestaltung genießen können.
MP3-Player? Kommt mir nicht ins Ohr
Ein solches Möbel ist gefunden, und so stehen heute unter dem Plattenspieler im Wohnzimmer zwei LPs mit hübschen Schwarz-Weiß-Covern nebeneinander. Die Namensfindung für unsere Tochter war dagegen wieder leicht - wir haben einfach den Namen der Sängerin mit den meisten Schallplatten in unserer Sammlung genommen.
Schallplatten abspielen, hören, erwerben und aufbewahren wird immer Arbeit sein und einen nicht unbeträchtlichen Zeit- und Platzaufwand erfordern - gebe ich gerne her. In den 80er Jahren begann mit der CD der Tonträger-Marsch durch die Minimalisierung. Es ist ein langer Weg von den Langspielplatten mit üppigen Aufklappcovern bis hin zum rasch mal heruntergeladenen 99-Cent-Song ohne Hülle, der in einem Knopf im Ohr endet. Diesen Weg gehe ich nicht mit. Ich besitze keinen MP3-Player.
00:20
Ich bin auch einer der Verfechter der alten Vinyls. MP3s können einfach nicht dieses Feeling vermitteln. Mit Platten kann man die musik regelrecht anfassen was einfach legendär ist !
12:02
Sehr guter Artikel, auch ich sammle wieder vermehrt (über Flohmärkte) Schallplatten, mit denen ich (als jetzt 50-Jähriger) grossgeworden bin. Irgendwie klingen CDs (von denen ich zwar auch hunderte habe) kälter und eben digitaler, man empfängt einfach nicht diesen warmen analogen Klang. Und nebenbei: Ich stelle die Pitch-Control meines Plattenspielers um eine klitzekleine Nuance höher, sodass jeder Song nochmal etwas flotter klingt - geht das mit CDs auch, haha... Jüngere Musiklaien waren bisher sehr erstaunt, dass meine Versionen bekannter Stücke auf Schallplatte irgendwie flotter und heisser klingen als gewohnt... jaja, so ist das...
Gottseidank finden Platten wieder mehr Liebhaber und selbst Künstler wie Max Raabe haben eine Langspielplatte herausgebracht - Respekt !!!
09:26
feiner artikel eines sammlerkollegen ;-)))!
und absolut richtig: die musikindustrie hat uns jahrzehntelang gemolken und jammert jetzt darüber, dass sie sich den markt selbst kaputt gemacht haben.....
22:36
Der Unterschied ist nur das man beim Kauf einer Leerkasette schon die Gema-Gebühr zahlt.
11:04
Home Taping Is Killing Music - die von Ihnen genannte Musikindustrie hatte doch schon in der ollen Leercassette Teufelswerk gesehen. Und was ist passiert? - Nix!
00:52
Zur Vinyl-Zeit hatte die Musikindustrie nicht das Problem mit dem Raubkopieren. Ich kenne zumindest keinen der eine Plattenpresse im Keller hat. Zum Kommentar Ewiggestriger kann ich nur sagen das Vinyl immer noch aktuell ist. Von (fast) allen CDs die heutzutage weröffentlicht werden gibt es immer noch eine Vinylauflage. Man muss nur wissen wo.
16:46
Hauptsache ewig!
15:51
Ewiggestriger!