"Peaches": Die sanfte Seite eines harten Pfirsichs
01.06.2009 | 11:51 Uhr 2009-06-01T11:51:00+0200
Essen. "Peaches" polarisiert als vulgäre und konfliktfreudige Kunstfigur: der zumindest im Untergrund weltberühmten Musikkünstlerin könnte mit ihrem neuen Album „I Feel Cream” ein interessanter Angriff auf das Popgeschäft gelingen.
Bisher polarisierte die feministische Wahlberlinerin als vulgäre und konfliktlustige Kunstfigur, die weiblichen Sexismus abfeiert wie Motorradclubs den Auftritt einer Stripperin. Für die meisten Radiosender reduzierte sich das Phänomen Peaches auf: Kann man nicht spielen, zu verquer und zu vulgär. So ein Video wiederum, in dem eine nicht gerade familienfreundlich angezogene Frau mit üppigem Achselhaar einen Fahrradrahmen ableckt – nun ja, ist kein guter Einspieler für Deutschland sucht den Superstar.
Diesmal aber hat Peaches neben den üblichen Tanzparolen ein paar Lieder aufgenommen, die nicht nur für Freunde rockiger Elektromusik eingängig sind, sondern stellenweise an Madonna, Christina Aguilera oder Kylie Minogue erinnern: „Talk To Me”, „Lose You”, „Billionaire”, „I Feel Cream” fallen durchaus aus dem Rahmen. Und – damit hat Peaches viele noch stärker überrascht – die Texte kommen manchmal komplett ohne Geschlechtsakt und -teile aus, sind oft so harmlos persönlich, wie es persönliche Zeilen, die man mitsingen kann, eben sind.
Sollte eins dieser Lieder nun plötzlich im bisher Peaches-freien Radio auftauchen, hätte das Parallelen mit dem Anfang der 90er: Als eine aus sich selbst heraus nicht massentaugliche Band namens Nirvana plötzlich Whitney Houston in den Charts überholte.
Bedürfnis zu Verstören
Nirvana hatte mal einen sagenhaften Live-Auftritt im amerikanischen Fernsehen, bei dem die Band anstelle des gewünschten Hits spontan ein ziemlich aggressives Punkstück gespielt hat. Dass Peaches ein mindestens genau so großes Bedürfnis hat, zu (ver)stören, zeigt sie mit ihrer Mode und ihren Auftritten seit Jahren. Unter anderem wäre sie schon fast von einer großen Schar Marilyn-Manson-Anhänger gesteinigt worden, obwohl die sich ja eigentlich als Schock-Rock-Fans verstehen.
So eine etablierte, eigenwillige Figur wie Peaches ist von Popproduzenten und -konsumenten zwar gar nicht mehr zu vereinnahmen. Trotzdem klingt der Titel des ersten Liedes auf „I Feel Cream” wie eine Warnung: Es heißt „Serpentine”. Damit ist mitnichten der beschwerliche Weg nach oben gemeint, sondern eine militärische Formation. Wie gesagt: Es könnte ein interessantes Scharmützel werden.
Peaches, „I Feel Cream”, Beggars/Indigo
08:02
Schreck lass nach!!!
Und ich hatte auf den ersten Blick schon befürchtet, mir wäre ei Konzerttermin im Pott entgangen.
Finde die Musik der komische behaarten Frau mit ihren vulgären Texten schon seit dem ersten Album klasse (und die Konzerte rocken wirklich wie ein Motorradclub), aber das neue überrascht - und das durchaus im positiven Sinne. Da ist die gute dorch tatsächlich auch mal mit weicher - fast schon gefühlsduseligen - Stimme drauf zu hören.
#lose you