Musikbotschafter aus Leidenschaft
14.05.2009 | 07:35 Uhr 2009-05-14T07:35:00+0200Hagen. Sie spielen seit 101 Jahren für Hagen, sie erspielen als musikalische Botschafter positive Schlagzeilen für ihre Stadt - und jetzt müssen sie um ihr Überleben spielen: die Hagener Philharmoniker. Die Musiker beweisen im Sinfoniekonzert, wie unverzichtbar Kultur ist.
Beim Sinfoniekonzert haben die Musiker jetzt einmal mehr gezeigt, auf welchem Niveau hier gespielt wird - und das unter dem enormen psychischen Druck der politischen Diskussion, die Ensembles des Hagener Theaters aufzulösen.
Wassermusiken von Benjamin Britten, Edward Elgar, Alan Hovhaness und Claude Debussy hat GMD Florian Ludwig auf das Programm gesetzt. Töne, die aufhorchen lassen, denen man nachspüren muss. So in den klangschön ausmusizierten „Four Sea Interludes” aus Brittens Oper „Peter Grimes”, die mit einem Pauken-satten Sturm-Gemälde enden. Oder mit dem originellen Stück „And God created great whales” des Komponisten Alan Hovhaness (1911-2000), das Walgesänge vom Band im Wechselspiel mit Natur-Klängen im Orchester zu einer effektvollen Komposition verbindet.
Unkündbare Musiker
Die Musiker sind leidenschaftlich bei der Sache. Das Schreckenswort „betriebsbedingte Kündigungen” geistert durch die Köpfe, obwohl der Oberbürgermeister solche für städtische Angestellte ausgeschlossen hat. Bei jedem der diskutierten Spar-Szenarien, die von der Schließung einzelner Sparten bis zur Umwandlung der ganzen Bühne in ein Bespieltheater reichen, werden Menschen arbeitslos. Im schlimmsten Fall über 200.
„Dann gehen die eben woanders hin”, wird gesagt, wenn man nach den Schicksalen hinter den Zahlen fragt. Wohin denn? Die Theaterleute sind keine heimatlosen Söldner. Viele Musiker sind unkündbar. Sollen sie künftig auf Steuerzahlers Kosten die Straße fegen, während, ebenfalls auf Steuerzahlers Kosten, Balkan-Kapellen für Hungerlöhne im Bespieltheater gastieren?
Debussys sinfonische Skizzen „La Mer” gehören zu den beliebtesten Stücken des Repertoires. Florian Ludwig legt das Opus ungewöhnlich an, erzeugt mit vielen detaillierten dynamischen Abstufungen einen wunderbar lebendigen Puls, lässt das große Schlagwerk mächtig donnern. Doch die Balance zwischen Streichern und Blech stimmt nicht, es fehlen die durchsichtigen Farben, die man von „La Mer” erwarten darf.
Das Publikum ist in Sorge. Die Eltern, weil sie möchten, dass ihre Kinder auch in Zukunft ins Weihnachtsmärchen gehen können. Die Wirtschaft, weil mit dem Verlust des Theaters ein weiteres Stück bürgerlicher Mitte aus der Stadt herausbrechen würde - mit allen sozialen und ökonomischen Folgen.
Verzauberte Klänge
Edward Elgars „See-Bilder” für Mezzosopran und Orchester schaffen eine wahrlich verzauberte, zum Weinen schöne Atmosphäre, ein Stück Auszeit von den akuten Existenzängsten. Die Mezzosopranistin Janina Baechle von der Wiener Staatsoper ist eine hochbegabte Künstlerin auf dem Sprung zur Weltkarriere. Ihr Mezzo ist wunderbar timbriert, schillert wie glühender Samt mit strahlenden Hochtonakzenten.
Keine Frage, auch solche Erlebnisse stehen auf dem Spiel. GMD Florian Ludwig betont, dass die hoch verschuldete Stadt, die Folgekosten berechnet, mit einer Kündigung der Ensembles nichts spart: „Was dabei sinkt, ist nicht der Schuldenstand, sondern die Lebensqualität.”
Heute findet um 14.30 Uhr ein Protestmarsch vom Theater Hagen zum Rathaus statt.
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Ein Orchestermusiker ist in aller Regel ab einem Lebensalter von 35 Jahren nicht mehr vermittelbar, weil er dann als zu alt gilt. Eine Einstellung erfolgt nur über ein sogenanntes Probespiel, wozu die Altergrenze eben die 35 Jahre sind. Ein entlassener Orchestermusiker von 40 Jahren hat keine Chance, eine vergleichbare Dauerstellung zu erlangen, der absolute Abstieg ist die logische Folge, denn Musiker sind hochspezialisiert und können nicht mal so eben eine Stelle z.B. in einem Büro bekommen