Musik-CDs – der Boom der Boxen in der Krise
21.01.2011 | 17:15 Uhr 2011-01-21T17:15:00+0100Essen.Das Geschäft mit den wiederaufgelegten Pop-Alben aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren soll der Musikbranche aus der Krise helfen. Mit dabei sind nicht nur die Rolling Stones, The Who und Bruce Springsteen.
Auch für 2010 klagt die Musikindustrie über Umsatzrückgänge, ausgelöst durch illegale Downloads und das schwindende Interesse der Fans. Dabei geht es einem Teil der Branche besser denn je: Dem Repertoire, dem sogenannten Back-Katalog. Dies macht inzwischen 30 Prozent des Gesamtumsatzes mit Musik aus – weil die aufwendigen Boxsets höheren Ansprüchen gerecht werden. Die Devise: Qualität kennt keine Krise.
Für jeden Joy-Division-Sammler, der nicht gerade Millionär ist, kommt hier der Heilige Gral: Eine Box von zehn 7“-Vinyl-Singles mit Reproduktionen des Original-Artworks, sauber remastert von Joy Divisions Drummer Stephen Morris und dem Tontechniker Frank Arkwright. Angesichts einer Post-Punk-Band, deren Bestehen schon einen Monat nach ihrem einzigen Hit „Love Will Tear Us Apart“ durch den Selbstmord des Sängers Ian Curtis beendet war, eine Sensation. Selbst minderwertige Raubpressungen des Vinyls erzielen heute, gut 30 Jahre später, sensationelle Sammlerpreise. „+-PlusMinus“ vereint beinahe alles, was Joy Division außerhalb der zwei offiziellen LPs veröffentlicht haben und zwei Songs vom Album „Closer“. Vom mysteriösen „3,5,0, 2,1,5,Go!“ des Songs „Warsaw“ bis zum düsteren „Heart And Soul“. „Wir haben in all den Jahren nichts unternommen, um für die alten Joy Division zu werben“, sagt Bassist Peter Hook (New Order). Und auch wenn die meisten der 21 Songs längst auf der CD „Substance“ erhältlich sind, ist diese Box mit dem aufwendigen Milchstraßen-Artwork von Peter Saville ein Erlebnis. how
Moritz Trapp, Direktor für Katalog-Marketing bei der Musik-Company Universal, spricht von einem „substanziellen Bestandteil am Gesamtumsatz“ – „weil sich die Kosten in Grenzen halten und die Profitabilität ausgezeichnet ist.“ Das bringt auf den Punkt, was längst als offenes Geheimnis gilt – und im vergangenen Jahr Früchte getragen hat wie nie zuvor. Es geht um Tonträger, die in den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern veröffentlicht wurden und inzwischen Klassiker sind. Sie lassen sich beinahe beliebig oft neu auflegen – und zwar so, dass der Fan, der das Werk schon einmal erworben hat, gar nicht anders kann, als erneut zuzuschlagen. Sei es wegen exklusiver Bonus-Stücke oder wegen Verpackungen, die den Sammlerinstinkt wecken – und für den reißenden Absatz der High End-Produkte sorgen, die Trapp wie folgt definiert: „Sehr, sehr hochwertige Produkte, sehr aufwendig gearbeitet. Dieses Jahr zum Beispiel die Wiederauflage von ,Exile On Main Street’ von den Rolling Stones. Da sprechen wir über ein Produkt, das im Handel 100, manchmal auch 200 Euro kosten kann. Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland da auch in absoluten Zahlen oft an Nummer 1.“
Alben aus der Blütezeit oder opulente Werkschauen
Kostspielige Boxsets erleben einen Boom. Ganz gleich, ob Abba, die Rolling Stones, Paul McCartney, John Lennon, The Who, Joy Division, Bruce Springsteen oder Supertramp: Sie alle legen einzelne Alben aus der Blütezeit ihrer Karriere vor oder gleich opulente Werkschauen.
„Als die Stones das Boxset zu ,Exile On Main Street’ vorlegten, habe ich mir es genau angeschaut“, gesteht Springsteen-Manager Jon Landau. „Dabei habe ich festgestellt, dass sie einfach elf neue Versionen der ursprünglichen Album-Tracks verwendet haben. Insofern sagten wir uns: Das muss auch anders gehen – mit einer Box, die 21 unveröffentlichte Stücke enthält , das remasterte ,Darkness On The Edge Of Town’-Album, eine Dokumentation, ein Konzert, das wir letztes Jahr gefilmt haben, ein Bootleg von der ,Darkness’-Tour und weitere Sachen aus dem Archiv.“
Fortsetzung folgt 2011
Werte fürs Geld: Eine Philosophie, die bei der Industrie lange Zeit verloren schien - und ihren Beitrag zu den dramatischen Umsatzeinbrüchen der letzten Jahre geleistet haben dürfte. Weshalb High End auch die große Chance für einen Neuanfang im zerrütteten Verhältnis zwischen Industrie und Musikfans ist. Verlorene, finanzkräftige Käuferschichten werden wieder angesprochen – Warner-Sprecher Benedikt Lökes sagt es so: „Gerade in den 60ern, 70ern und den frühen 80ern war es so: Wenn man eine Band für sich entdeckt hatte, war man Fan und blieb das über viele Jahre. Und wenn das neue Album kam, hat man es teilweise sogar ungehört gekauft. Das ist leider im Zeitalter der Digitalisierung etwas auf der Strecke geblieben.“ Im Kataloggeschäft wende man sich an Fans, die das noch so gelernt haben.
Und was derzeit so gut läuft, findet natürlich 2011 seine Fortsetzung. Etwa mit Teil II von Neil Youngs „Archives“, einer großen Motörhead-Box, den Paul Simon-Wiederveröffentlichungen und weiteren großen Namen, die der gebeutelten Branche so manches Trostpflaster verschaffen.
08:46
Die Monster Movie von Can und die Music for Parties der Silicon Teens fehlen mir noch. Die ollen DAF wären auch nich schlecht ...