Motown tanzte Rassenschranken weg
11.01.2009 | 18:04 Uhr 2009-01-11T18:04:00+0100
Detroit. Selten war ein Stück so programmatisch wie dieser. Motowns erster Hit hieß „Money”. Geschrieben hatte ihn der Firmenchef. Berry Gordy jr. hielt sich streng an seine Devise. Kein Wunder, dass aus dem einstigen Familienbetrieb eine Weltmarke wurde. Am Montag, 12. Januar, wird sie 50.
Gordy, jetzt 79, gründet in der „Mo(tor)town” Detroit, US-Staat Michigan, sein Unternehmen, das anfangs Tamla Records heißt, mit schlappen 800 Dollar Startkapital. Sein eigentliches Kapital sind seine Künstler: die Matadors, die sich recht bald in Miracles umbenennen. Als Kopf dieser Gruppe gilt Smokey Robinson. Er hat ein Näschen für Trends, für Hits. Kein Wunder, dass der inzwischen 68-jährige Musiker rasch zum Firmen-Vize aufrückt. Die Miracles bescheren Motown den ersten Millionen-Hit: „Shop Around” erreicht im Januar 1961 Platz 2 der US-Hitliste.
Dieses Jahr gerät zum Wendepunkt in der Geschichte von Motown, ja der Pop-Musik. 1961 unterschreiben die Supremes mit ihrer Frontfrau Diana Ross, Stevie Wonder und die Temptations bei der Firma, die nach einer Zwischenstation in Hollywood in New York beheimatet ist.
Zugleich verpflichten Gordy & Co. hochkarätige Songschreiber und Produzenten, darunter William „Mickey” Stevenson, Norman Whitfield und, allen voran, Eddie Holland, Lamont Dozier und Brian Holland.
Das Trio, bei seiner Verpflichtung gerade mal um die 20, spürt instinktiv, was ihre Generation will: Rhythm & Blues der 50er gerät bei der städtischen schwarzen Jugend zum Auslaufmodell. Stattdessen orientieren sich Holland-Dozier-Holland an Pop-Mustern der weißen Mehrheitsgesellschaft und peppen sie mit kräftigen Tanzbeats auf.
Die Musikszene reagiert schnell – allerdings zuerst in Europa. Vor allem die Beatles machen den Motown-Sound in Europa populär. Das Album „With The Beatles” enthielt gleich drei Motown-Hits: „You've Really Got A Hold On Me” von den Miracles, „Please Mr Postman” von den Marvelettes und nicht zuletzt „Money” vom Label-Boss. „Wir haben den europäischen Bands geholfen, groß zu werden, weil wir ihnen populäre Songs geliefert”, stellt Brian Holland, inzwischen 67, im WR-Gespräch fest.
Tatsächlich gelingen Holland-Dozier-Holland binnen kürzester Zeit 25 Nummer-eins-Hit, die sie mit einer Leichtigkeit hinwerfen, als kämen die Stücke aus einer Sprühflasche – von „Stop! In The Name Of Love” über „You Can't Hurry Love” bis zu „Reach Out (I'll Be There)”. Brian Holland im Rückblick: „Gut, wir haben schon damit gerechnet, dass sie auf dem amerikanischen Markt einschlagen würden. Aber dass Motown zu einem Phänomen werden würde – das haben wir niemals erwartet.”
Das Jahr 1967 bringt Stress. Holland-Dozier-Holland fühlen sich von Gordy über den Tisch gezogen – und prozessieren. Man trennt sich für Jahre.
Zugleich wandelt sich der Geschmack des Publikums. Eine zornige, wilde Generation erscheint, befeuert vom Vietnam-Krieg der US-Regierung, den die Wehrpflichtigen ablehnen.
Auch Motown sieht sich zu einem Stilwechsel gezwungen. Am stärksten machen ihn die Temptations mit. Holland-Dozier-Holland müssen gehen – Norman Whitfield kommt. Er betont mit funky Bässen das schwarze Erbe. Zugleich bleibt der Sound mit psychedelischen Technik-Spielereien für ein weiße Fans attraktiv. Musterbeispiel: „Papa Was A Rolling Stone”.
Die goldene Zeit von Motown endet Mitte der 70er. Sicher, Stars wie Stevie Wonder bescheren dem Unternehmen in regelmäßigen Abständen Alben, die künstlerisch wie kommerziell überzeugen. Auch landen Motowns Künstler immer wieder Hits. Doch sie geben Trends längst nicht mehr vor, laufen ihnen eher hinterher.
Dennoch reichen Veränderungen der 60er bis in die Gegenwart. Es gibt eine Verbindung zwischen Motown und der Wahl von Barrack Obama zum ersten farbigen US-Präsidenten. Lamont Dozier: „Wichtig für mich ist, dass Amerika endlich farbenblind ist.” Motown hat eine Menge dafür getan.
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