Melodienblüte auf der Stradivari
01.03.2009 | 19:20 Uhr 2009-03-01T19:20:00+0100Düsseldorf. Außer Frank-Peter Zimmermann haben es Männer schwer, sich als Geiger auf internationalem Parkett durchzusetzen. Doch Star-Geiger Joshua Bell gehört zu den Ausnahmen. Er begeisterte das Publikum in der Düsseldorfer Tonhalle.
Um mit der Violine ein Star der Klassikbranche zu werden, muss man überragend spielen, aber möglichst auch eine junge Frau sein und gut aussehen. Außer Frank-Peter Zimmermann haben es Männer schwer, sich als Geiger auf internationalem Parkett durchzusetzen und von CD-Firmen vermarktet zu werden. Zu den Ausnahmen gehört auch Joshua Bell. Der großgewachsene Amerikaner, der mit seinen 41 Jahren Energie und jugendlichen Charme versprüht, sieht blendend aus. US-Zeitungen sprechen gar von einem Hollywood-Effekt, der dem virtuos spielenden Joshua Bell bereits vor 20 Jahren einen Karriereschub bescherte.
Dass der leidenschaftliche Porsche-Fahrer mehr als nur ein amerikanischer Paganini ist, beweist Bell derzeit auf einer Europa-Tournee, zusammen mit dem Minnesota Orchestra unter Osmo Vänskä.
Er spielt für Präsidenten und Metro-Passagiere Das Orchester aus Minneapolis wurde in der Düsseldorfer Tonhalle gefeiert, genau wie der Solist aus Indiana. Zurecht; denn das Orchester demonstrierte eindrucksvoll, wie frisch und tiefgründig Beethovens "Eroica" klingen kann. Die tänzerisch-romantischen Elemente der dritten Beethoven-Symphonie leuchten sie energisch aus und üben sich in feierlicher Langsamkeit in dem Trauermarsch. Sie erstarren im berühmten zweiten Satz nicht in erdrückendem Pathos, sie pflegen nachdenkliche, versöhnliche Trauer.
Stradivari von 1713
Als Romantiker deutet Joshua Bell auch das Violinkonzert von Samuel Barber. Das vor 70 Jahren komponierte Werk, das in der Tradition der Spätromantik Poesie und Sehnsucht vereint, ist bei Bell in besten Händen. Der Mann, der seine Saitenkunst vor wenigen Wochen noch bei der Amtseinführung von Präsident Barack Obama unter Beweis stellte, aber auch als Straßengeiger verkleidet an einer Washingtoner Metrostation Bach spielte, überzeugt durch einen warmen, persönlichen Klang. Wenn er zum Andante ansetzt, hört man nichts von stählerner Härte, die von manchen weltbekannten Kolleginnen als modern kultiviert wird.
Der Amerikaner stammt aus der belgisch-französischen Geigenschule, die Eugène Ysaye begründete. Er entlockt seiner Stradivari von 1713 strömenden Fluss und dramatische Steigerungen, deren Wirkung er gerne mit wankendem Oberkörper noch verstärkt. Melodien blühen, manchmal mit schluchzendem Vibrato, dann bietet er genauso stilecht brillante, gerundete Spitzentöne. Und erzielt im Publikum hustenlose Spannung. Gleichzeitig überzeugt Joshua Bell als Präzisionsarbeiter: Bei den atemlos rasanten Läufen verwischt er nicht eine Note, jeder Ton ist ablesbar.
Sein wertvolles Instrument erstand er 2001. Und fand heraus, dass diese Stradivari "Gibson" in die Kriminalgeschichte einging. Sie wurde 1936 gestohlen und erst 50 Jahre später, wieder gefunden, durch das Geständnis des Diebes auf seinem Totenbett. Umso vitaler, singend klingt diese Geige, auch auf CDs. (NRZ)
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