Marsheaux verpassen Depeche Mode eine Frischzellenkur

Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou alias "Marsheaux" machen aus dem Altwerk "A Broken Frame" aus dem Jahr 1982 eine hörenswerte Neuauflage.
Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou alias "Marsheaux" machen aus dem Altwerk "A Broken Frame" aus dem Jahr 1982 eine hörenswerte Neuauflage.
Was wir bereits wissen
Frevel? Blasphemie? Mitnichten! Das griechische Duo Marsheaux hat ein komplettes Album von Depeche Mode gecovert - und teils mächtig aufgepeppt.

Dortmund.. Wohl kaum eine andere Band hat so kritische Fans wie Depeche Mode. Die Anhänger der britischen Superstars sind bisweilen so nörgelig, dass sie selbst mit ihren Helden äußerst hart ins Gericht gehen, wenn ein neues Album nicht den erhofften Grad an Genialität liefert. Wie sollen da erst die Reaktionen ausfallen, wenn sich eine Band erdreistet, einfach ein komplettes Album von Depeche Mode zu covern?!

Doch die Fanwelt rund um Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher hat mit viel Wohlwollen auf den neuesten Wurf des griechischen Duos Marsheaux reagiert. Das liegt einerseits wohl daran, dass sich Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou mit "A Broken Frame" aus dem Jahr 1982 eines Altwerks Depeche Modes angenommen haben - und andererseits daran, dass die beiden Musikerinnen ihren Job schlicht und ergreifend richtig gut gemacht haben.

Eine gute Coverversion, heißt es landläufig, macht einen Song entweder besser oder interpretiert ihn vollkommen neu. Schlichtes Nachträllern jedenfalls ist nicht das, was Musiker mit den Werken ihrer Kollegen machen sollten. Wirklich starke Songs wiederum bleiben auch dann starke Songs, wenn sie umgedeutet werden. Wie Personal Jesus in der Version von Johnny Cash etwa.

Marsheaux zeigen Stärken und Schwächen des Originals

Marsheaux haben einen Mittelweg gewählt. Statt einer kompletten Neuinterpretation verpassen sie den Stücken auf "A Broken Frame" eine ordentliche Frischzellenkur. Schlechter als auf dem Original ist keiner der Songs geworden. Vielmehr zeigen die beiden Griechinnen, wo die Stärken und Schwächen des zweiten Depeche-Mode-Albums liegen. Es wird deutlich, welches Potential in einigen der alten Songs steckt und was für ein - mit Abstrichen - großartiger Komponist Martin Gore auch 1982 schon war.

Die Defizite von Depeche Mode 1982 werden jedoch auch deutlich. So wirkt "A Broken Frame" im Rückblick an vielen Stellen unbeholfen. Es wäre interessant, zu wissen, was Alan Wilder mit den Tracks gemacht hätte, wenn er denn damals schon gedurft hätte. Zur Zeit der Aufnahmen von "A Broken Frame" war Wilder zwar schon Mitglied der Band, kam aber nur bei Live-Auftritten zum Zuge. Die Studioarbeit betrieben die drei Ur-Mitglieder alleine, weil sie sich nach dem Weggang von Vince Clarke beweisen wollten, dass Gore den vormaligen Bandleader gleichwertig ersetzen konnte. Darum ist "A Broken Frame" bandgeschichtlich eines der wichtigsten Alben.

Marshaeux haben sich der Musik behutsam genähert. Den Opener "Leave in Silence" haben sie lediglich mit mehr Power versehen und den Hörgewohnheiten des Jahres 2015 angepasst. Der Beat treibt mehr, die Struktur ist klarer, der Song hat mehr Dynamik. Schwachpunkte des Original-Albums, also namentlich die Songs Satellite und Monument, klingen in der Marsheaux-Version ebenfalls moderner und aktueller, doch ihnen fehlt das Melodische, das den Elfen-Gesang der Griechinnen erst zur Geltung bringt.

Martin Gore als Kitsch-Komponist entlarvt

Bei "See You" und "The Meaning of Love" greift das Duo aus Thessaloniki ganz tief in die Trickkiste und entlarvt auf eindrucksvolle Weise, was für einen billigen Kitsch Martin Gore da trotz seines riesigen Talents verzapft hat. Die Marshaeux-Versionen dieser beiden Songs wirken schon beinahe wie Parodien. Bei "Nothing to Fear", dem einzigen Instrumental-Track des Albums, verzichten die beiden Frauen leider auf das starke Intro. Ihre aufgemotzte Version dieses Stückes hätte noch stärker ausfallen können.

Ganze Arbeit leisten Marsheaux dann wieder bei "A Photograph of You", einem in der Original-Fassung viel zu weinerlich vorgetragenen Liebeslied. Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou verwandeln dieses belanglose Stück Musik in ein fulminant-düsteres Werk und machen es zum Highlight des ganzen Albums. Auch die beiden Schluss-Tracks "Shouldn't Have Done That" und "The Sun And the Rainfall" bekommen von den Elektro-Frauen einen gehörigen Schub an Power und Tiefgang mit auf den Weg. Einziger Wehrmutstropfen: Die kleine, zuckersüße Melodie, die Martin Gore für den Ausklang von "The Sun And the Rainfall" komponiert hat, lassen Marsheaux unter den Tisch fallen.

Insgesamt haben Marsheaux einer alten Platte aus den Anfängen des Elektropop zu neuem Leben verholfen und sie Hörern zugänglich gemacht, deren Ohren durch sauber und kraftvoll produzierte Sounds à la David Guetta oder Avicii verwöhnt sind. Doch die Sache hat einen großen Haken: Im direkten Vergleich von Alt- und Neuversion stinkt das Originalwerk von Depeche Mode in Sachen Klang, Dynamik und Beat gnadenlos ab.