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Interview

Jan Garbarek: "Fernsehen ohne Ton entspannt mich"

07.09.2009 | 09:00 Uhr
Jan Garbarek: "Fernsehen ohne Ton entspannt mich"

Essen. Star-Saxophonist Jan Garbarek (62) hat zum ersten Mal ein Live-Album unter eigenem Namen veröffentlicht: "Dresden". Und im Herbst tourt er wieder, auch durch NRW. Warum er Fernsehen ohne Ton sieht, was er über Preise denkt und wie jung er sich fühlt, verriet er Jürgen Overkott.

In ein paar Tagen sind Sie wieder auf Tournee, auch in Deutschland. Gibt es irgendwelche Hotels, die Sie noch nicht kennen?

Jan Garbarek: Oh ja, ein paar gibt es wohl noch, die ich noch nicht gesehen habe. Es gibt aber auch welche, in denen ich schon mehrfach war.

Sie sind sehr oft in Deutschland. Warum?

Jan Garbarek: Irgendjemand hat mal im Hinblick auf Jazz-Musiker gesagt: Wenn es Deutschland nicht gäbe, wären die meisten arbeitslos. In Deutschland ist es einfach so, dass die Menschen sehr an Kultur interessiert sind. Dazu kommt: Es leben einfach unheimlich viele Leute auf einem kleinen Fleckchen Erde. Und ein drittes: Meine Plattenfirma - ECM - sitzt in München.

Info
Jan Garbarek auf Tour

Termine in NRW

25. Oktober, Mülheim, Stadthalle

31. Oktober, Hamm, Alfred-Fischer-Halle

10. November, Leverkusen, Jazzfestival

24. März 2010, Essen, Zollverein

26. März 2010, Köln, Philharmonie

…und gibt es noch zwei langjährige Begleiter: den Gevelsberger Rainer Brüninghaus und Eberhard Weber.

Jan Garbarek: Ja, mein Pianist Rainer Brüninghaus geht mit mir zusammen auf Tournee, aber mein Bassist Eberhard Weber hat unglücklicherweise einen Schlaganfall erlitten.

Glauben Sie, dass er je wieder mit Ihnen zusammen Musik machen kann?

Jan Garbarek: Oh ja, er arbeitet dran. Aber bei derart schweren Gesundheitsproblemen gibt es keine Garantie. Ich hoffe, dass er es schafft.

Eberhard Weber ist ein fantastischer Bassist, der einen eigenen Bass und einen eigenen Stil erfunden hat. Sie ersetzen ihn durch den Brasilianer Yuri Daniel. Was bedeutet das für den Gruppenklang?

Jan Garbarek: Eines vorweg: Eberhard ist unersetzlich. Aber Yuri ist für die Gruppe eine echte Bereicherung, ein absolut einzigartiger Musiker. Man kann aber im klassischen Sinne nicht von ersetzen sprechen, weil Yuri ganz anders spielt. Yuri steht für ganz starke Rhythmus-Arbeit. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er aus Brasilien kommt. Von da her verschieben wir die Akzente ein bisschen.

Wer auf der Bühne steht, ist richtig aufgedreht. Was tun Sie, um sich nach einem Konzert wieder zu entspannen?

Jan Garbarek: Na gut, ein Konzert bedeutet zwei Stunden Arbeit. Natürlich, dann bin ich aufgedreht. Aber danach setzen wir uns erst mal zusammen, reden miteinander, essen, trinken. Dann fahren wir zusammen zurück zum Hotel, und ich gucke dann Fernsehen - und zwar ohne Ton. Damit kann ich mich gut für den nächsten Tag vorbereiten.

Glauben Sie, dass Bilder lauter als Worte sprechen können?

Jan Garbarek: Das hängt davon ab, welche Bilder es gibt - und welche Worte. Ich kenne sehr aussagekräftige Worte und sehr banale Bilder.

Wird Ihre Musik von Bildern beeinflusst?

Jan Garbarek: Bestimmt. Es gibt in meiner Musik auch eine Art Dramaturgie. Ich kann das, was da passiert, aber nicht ganz genau beschreiben.

Reizt es Sie, Soundtracks für Filme zu komponieren?

Jan Garbarek: Schon, ich habe früher mal Filmmusiken geschrieben. Das war in den Siebzigern, auch in den Sechzigern gab es da was. Aber heutzutage finde ich das nicht mehr so interessant.

Gut, Ihr aktuelles Album hat mit Filmen nichts zu tun. Es sind ein Live-Album, das erste übrigens in all den Jahren. Warum hat es so lange gedauert?

Jan Garbarek: Normalerweise bin ich froh, im Studio zu arbeiten. Das ist eine Umgebung, die mich kreativ macht. Und ich bin mit den Ergebnissen meistens zufrieden. Und das, was ich jetzt gemacht habe, ist weniger als CD gemeint, sondern eher als eine Dokumentation.

Was sagen Sie zu den Ergebnissen?

Jan Garbarek: Es ist okay. Das Doppelalbum dokumentiert ein einziges Konzert in Dresden, von Anfang bis Ende. Es ist kein Mix aus mehreren Auftritten, wie es sonst in der Plattenbranche üblich ist.

Sie haben in Ihrer Karriere alles Mögliche gemacht: Sie haben über skandinavische Folklore improvisiert - oder über Renaissance-Musik im Stil von Palestrina. Und dafür gab es eine Menge Preise. Sind derartige Auszeichnungen eine Belastung für Sie, wenn Sie etwas Neues machen?

Jan Garbarek: Neeeein! Das ist etwas ganz Positives. Preise zeigen, dass Du wahrgenommen wirst. Sie sind eine Wertschätzung Deiner Arbeit. Nein, nein, Preise keine Belastung, im Gegenteil.

"Tief in mir drin bin ich ganz jung"

Ich habe Ihren Auftritt mit dem Hilliard-Ensemble in der Zeche Zollverein in Essen erlebt, und er wirkte wie eine Messe ohne Kirche. Ist Musik etwas Heiliges?

Jan Garbarek: Das hängt immer davon ab, was der Hörer daraus macht. Musik ist offen für Interpretationen in alle möglichen Richtungen. Der Hörer erschafft die Musik in seinem Geist neu.

Renaissance hin, “Dresden” her - auf Ihrer aktuellen Platte führen Sie uns zurück in die Siebziger, damals als Sie mit Keith Jarrett unterwegs waren. Fühlen Sie sich wieder wie ein junger Mann?

Jan Garbarek: (lacht) Keine Ahnung. Also, tief in mir drin bin ich ein ganz junger Mensch. Aber wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich eine Person, an der Zahn der Zeit nagt. Hm, darüber möchte ich besser nicht allzu viel nachdenken.

Jürgen Overkott

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