Götz Alsmann fordert: Keine falsche Scham
25.05.2009 | 00:01 Uhr 2009-05-25T00:01:00+0200Essen. Warum Götz Alsmann weder vor deutschen Songtexten noch vor heilloser Romantik zurückschreckt. Auf seinem Album „Engel oder Teufel” hat er herrlich unzeitgemäße Jazzschlager versammelt.
Neues von der singenden Bügelfalte: Für das Album „Engel oder Teufel” hat sich TV-Matador, Musiker und Stilikone Götz Alsmann wieder herrlich unzeitgemäße Jazzschlager auf den eigenen Leib geschneidert. Carsten Dilly sprach mit dem 51-Jährigen über Schamfreiheit, die Dusche als Kreativzentrum und finstere Verlockungen.
Herr Alsmann, Sie sehen recht schlank aus – haben Sie abgenommen?
Alsmann: Sechs Kilo. Aber ich nehme auch immer wieder schnell zu. Mindestens sechs Kilo müssen noch runter.
Müssen Sie sich womöglich bald eine komplett neue Garderobe zulegen?
Alsmann: Nein, zum Abnehmen motiviere ich mich, indem ich Anzüge immer sehr knapp bemessen kaufe. Dann hängen die herrlichen Sachen im Schrank und ich denke mir: „Schön wäre, wenn ich die mal anziehen könnte . . .”
Ein guter Trick. Ihr neues Album heißt „Engel oder Teufel”. Was will uns dieser Titel eigentlich sagen?
Alsmann: „Engel oder Teufel” drückt die Ambivalenz der Menschen generell aus. Ich kenne keinen, der nur Engel oder Teufel ist.
Und welcher Zustand überwiegt bei Ihnen?
Alsmann: Man wünscht sich, dass alle Menschen, mit denen man zu tun hat, Engel sind. Doch selber möchte man doch zu mindest 51 Prozent Teufel sein. Als ich ein kleiner Junge war, drohte der Kaplan von der Kanzel, Jazzmusik, Alkohol und Frauen kämen aus der Hölle – also scheint das doch ein hochinteressanter Ort zu sein.
Wohl wahr. Wie wichtig ist Humor in der Musik?
Alsmann: Sehr. Ein selbstreferenzieller Humor ist grundsätzlich wichtig. Wenn man mit der deutschen Sprache arbeitet, umso mehr. Es geht gar nicht ohne.
Da sind Die Ärzte ein gutes Beispiel: Mit Bela B. singen Sie im Duett den Song „Geisterreiter” – nicht Ihre erste Zusammenarbeit mit den Punkrockern . . .
Alsmann: Nein, es gab immer Querverbindungen. Wir fahren zwar nicht zusammen in den Urlaub. Aber man freut sich, wenn man sich sieht. Die Ärzte sind eine der wenigen Rockbands, die ich mir anhöre. Und ich glaube, einer der wenigen Schnulzensänger zu sein, die sich zumindest Bela anhört.
Seit 1997 wecken Sie regelmäßig Nachkriegsschlager aus ihrem Dornröschenschlaf – in dieser exklusiven Nische haben Sie es sich gemütlich eingerichtet, oder?
Alsmann: (Lacht) Das ist richtig. Seitdem ich 40 bin, erlebe ich eine ganz kommode Situation, die sich so dramatisch nicht verändert.
Und so soll's auch bleiben?
Alsmann: Es besteht keine Veranlassung, daran herumzudoktern. Sagen wir mal so: Große Stadion-Tourneen durch die USA sind leider nur den allerwenigsten Jazzschlager-Interpreten vorbehalten. Mit dieser Art von Musik wird man auf Anhieb international nicht reüssieren können.
Auf dem neuen Album gibt es aber nicht nur betagte Klassiker, sondern auch verstärkt Eigenkompositionen zu hören . . .
Alsmann: Ja, die Arbeit an dieser Platte hat mich mehr beansprucht als an allen anderen Alben zuvor. Das Arrangieren von Fremdstücken fällt mir leichter – da findet man sich schnell mit Dingen ab, die sich der Komponist und Texter einst ausgedacht haben. Aber wenn du ein eigenes Stück arrangierst, bist du auch immer im Komponiervorgang begriffen, du schreibst immer um.
Ist es schwer, den Punkt zu erkennen, an dem ein Song fertig ist?
Alsmann: Es gab da mal einen der großen Impressionisten. Der beschäftigte einen Mann, der ihm jeweils nach drei Wochen ein neues Bild wegnehmen musste. Aber nein: Ich bin jemand, der schnell Frieden schließt mit seiner Arbeit. Man denkt sich nur schon mal, man hätte es auch ganz anders machen können.
Manche Künstler behaupten, die besten Songs würden ihnen einfach zufliegen. Ist das bei Ihnen auch so?
... geht Pfingstsonntag (31.5., 23.25 Uhr) wieder auf Sendung, dann erstmals in einer lockeren Club-Atmosphäre. Aufgezeichnet wurde im Kölner Coloneum. Als Gäste sind eingeladen: Jessye Norman und Martin Stadtfeld.
Alsmann: Das kann ich unterschreiben, obwohl ich auch manchmal am Schreibtisch sitze und mir etwas ausdenke. Der Song „Rhythmus, Text und Melodie” allerdings ist mir eingefallen, als ich in Sinsheim unter der Dusche stand. Tropfnass bin ich dann raus und habe die Grundidee auf einen Zettel geschrieben. Nach der Haarwäsche war das Lied dann fertig.
Gibt es bei Ihnen keine Scham, sich mit einem Song wie „Meine Süße” als heilloser Romantiker zu outen?
Alsmann: Ich bin frei von dieser Scham, aber man muss sich auch etwas trauen. In deutschen Schülerbands wird ohne Probleme die dramatischste Liebeslyrik in Zufalls-Englisch gesungen. Aber es wagt niemand auf Deutsch zu sagen: „Ich liebe Dich”. Ist das nicht pervers? Warum kann ich nicht die simpelsten Dinge auf die ureigenste Weise ausdrücken?
Aznavour hat seine Hits auch auf Deutsch eingesungen – das meiste davon ist unfreiwillig komisch . . .
Alsmann: Manches aber auch freiwillig. Auch die wunderbaren Lovesongs des amerikanischen Songbooks gehen sehr forsch aufs Gefühl los. Nur bei uns soll das nicht gehen? Das verstehe ich nicht.
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