Frohe Hirten, eilt!
23.12.2009 | 17:41 Uhr 2009-12-23T17:41:00+0100
Hagen. Die Hagener Philharmoniker präsentieren Bachs Weihnachtsoratorium mit vielen Glanzlichtern.
Die Meisterwerke der Chorliteratur sind von den Spielplänen der Orchester verschwunden, die dieses Repertoire den Laienchören einerseits und den Spezial-Ensembles für Alte Musik andererseits überlassen haben. Das möchte der Hagener Generalmusikdirektor Florian Ludwig ändern. Ludwig, in der Chorszene großgeworden, hat Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium (Kantaten I-III und VI) auf das Programm des Sinfoniekonzertes gesetzt. Das Experiment ist gelungen, die Aufführung in der ausverkauften Stadthalle wurde begeistert gefeiert. Für die Instrumentalsolisten gab es höchst verdiente Bravo-Rufe.
Ludwig interpretiert das Weihnachtsoratorium als dramatische Historie mit vielen theatralischen Akzenten. Die Orchester-Aufstellung und die Spieltechnik, so dirigiert der GMD ohne Stab, sind an die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis angelehnt und sorgen für ein leuchtendes Klangbild, das seinen Schwung aus dem Generalbass (mit Orgelpositiv und Cembalo) gewinnt.
Chor der Engel
Der Engel-Sopran singt von der Empore, der Evangelisten-Tenor ist inmitten des Orchesters platziert, der Kinderchor des Theaters Hagen bildet schöne Kontraste zum Bass in dem Choral „Er ist auf Erden kommen arm”. So werden die Erzählebenen plastisch herausgestellt: Evangelientexte, betrachtende Arien, der Chor ist Volk, Hirten und Engel, die Instrumente erhalten ähnlich sprachmächtige Funktion wie die Stimmen. Und der Choral geht uns alle an, denn er repräsentiert die Gemeinde.
Entsprechend lässt Ludwig Konzertmeister Bernhard Ratajcak für das Geigen-Solo der Marien-Arie „Schließe mein Herze” aufstehen. Doch das ist des Guten zu viel, da die anderen Instrumentalsolisten sitzen bleiben müssen: Soloflötistin Annette Kern musiziert in der Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet” genauso klangschön im Duett mit dem Tenor, und Solotrompeter Andreas Sichler bejubelt auf der kleinen Bach-Trompete ohnehin die Ankunft des Herrn ebenso virtuos wie cantabile in den höchsten Tönen.
Eine Herausforderung
Der GMD nimmt das Werk in federndem Tempo, kommt allerdings in der zweiten Kantate in Schwierigkeiten, weil er die pastorale Stimmung hier zu getragen auffasst, so dass das Wiegenlied des Alts recht wörtlich wirkt. Die Philharmoniker werfen sich mit Begeisterung in die Aufgabe und glänzen mit feiner Spielkultur, wenngleich Bachs Rhythmen für die Streicher tückisch sind.
Es macht schon Effekt, wenn ein Profi-Chor das Weihnachtsoratorium singt. Der Opern- und Extrachor des Theaters Hagen ist rhythmisch und von der Klang-Balance her mit dieser Aufgabe sehr gefordert, achtet aber sorgfältig auf deutliche Artikulation.
Die Solisten sind erstklassig: Daniela Denschlag mit reizvoll timbriertem Alt, Susanne Bernhard mit großem Sopran, aber etwas zu viel Vibrato, Kay Stiefermann mit feierlichem Bariton. Dominik Wortig beeindruckt nicht nur mit seinem edlen Tenor, sondern mit den sensiblen Färbungen und den delikaten Verzierungen, mit denen er den Text tieflotend ausdeutet.
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