Florence Welch fühlt sich von ihrer Platte beschützt

Florence Welch gilt als coolster Popstar Großbritanniens. Auf ihrem dritten Album „How Big, How Blue, How Beautiful“ hat sie die Gitarre rausgeholt.

Essen.. „Lungs“ (2009) und „Ceremonials“ (2011) machten Florence Welch zum mit Brit-Awards dekorierten und coolsten Popstar Großbritanniens. Auf ihrem dritten von Markus Dravs (Björk, Arcade Fire) produzierten Album „How Big, How Blue, How Beautiful“ hat die 28-Jährige die Gitarre rausgeholt. Im Interview spricht sie darüber, warum einige ihrer neuen Songs so laut und wüst klingen.

Das Album beginnt mit dem Song „Ship to Wreck“. Welches Schiff fahren Sie da zu Schrott?

Florence Welch: Mich selbst! Wen denn sonst? In mir steckt die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen sowie die beträchtliche Fähigkeit, diese Dinge auch wieder kaputt zu machen. Die selbstzerstörerische Seite in mir war immer sehr dominant. Sie ist auch immer noch da, aber ich kann diese dunkle Energie heute besser kontrollieren.

Sie haben den Ruf, gerne Party zu machen.

Welch: Ja, das ist wahr. Im Nachtleben verfüge ich über enorme Kapazitäten. Ich muss lernen, meine Partymomente weiser auszuwählen.

Leben Sie momentan gesünder?

Welch: Ich versuche es. Ich habe echt viel Mist gebaut in meinem Leben. Ich will nicht mehr alles ins Chaos stürzen. Ich will nicht mehr die Kamikaze sein, gerade in der Liebe. An dem neuen Album zu arbeiten, hat mir sehr gut getan. Die Platte hat mich beschützt wie ein Kokon.

Im Video zur Single „What Kind of Man“ geraten Sie jedoch heftig mit mehreren Typen aneinander und schreien sie an. Was ist da los?

Welch: Das ist meine Version von „Dantes Inferno“. Wir stellen die Liebe als Fegefeuer dar. Als explosive, zerstörerische Beziehung zwischen zwei Menschen, die wissen, dass sie die Finger voneinander lassen sollten, es aber nicht können.

Festivals Die Arbeit an diesem Video hat mir sehr viel Energie und Power gegeben. Körperlich war es sehr anstrengend und sehr befreiend, das zu drehen. Ich fühlte mich danach, als wäre ich tagelang im Fitnessstudio gewesen.

Sie waren jahrelang auf turbulente Weise mit dem Literaturjournalisten Stuart Hammond liiert. Beruht der Song auf eigener Erfahrung?

Welch: Ja. Aber nicht ausschließlich. Ich verbinde Aspekte aus meinem Leben mit Aspekten aus der Phantasie. Ich bin überzeugt, dass alle von uns schon einmal eine solch kaputte, vergiftete und leidenschaftliche Beziehung hatten. Man macht immer wieder denselben Fehler, kommt immer wieder zurückgerannt, verbrennt sich immer wieder. Man lernt nichts dazu.

Brauchen Sie das Drama?

Welch: Vielleicht. Es ist schon heftig gewesen, obwohl ich mich doch erholen wollte. Rückblickend hat es mir gut getan, auseinanderzufallen und mich neu zusammensetzen zu müssen. So habe ich meine einzelnen Teile besser kennengelernt.

Was wissen Sie jetzt über sich?

Welch: Dass auch ich mit jemandem zusammen sein möchte, der mit mir auf den Wochenmarkt geht und meine Hand halten möchte.

Haben Sie diesen Mann gefunden?

Welch: Ich finde gerade heraus, ob es klappt und werde mich melden, wenn Klarheit herrscht (lacht).

Mal blöd gefragt: Was ist eigentlich Ihr Problem?

Welch: Ich habe echte Schwierigkeiten damit, wichtige Dinge zu den Menschen zu sagen, zu denen ich diese wichtigen Dinge sagen sollte. Weil ich Sie nicht kenne, kann ich mit Ihnen besser über Intimitäten sprechen als mit den Personen, für die ich Gefühle habe.

Gefängniskonzert Also stecke ich mein ganzes Innenleben in die Songs. Der Titelsong „How Big“ zum Beispiel, der klingt total euphorisch. Den habe ich in einer Phase geschrieben, in der ich dachte, alles fügt sich zum Besten.

Ist Ihre Mutter, eine Professorin am King’s College in London, zufrieden mit Ihrer Entwicklung?

Welch: Sie hat akzeptiert, dass ich entgegen ihrer Hoffnung vorerst nicht mein Studium der Englischen Literatur fortsetzen werde. Obwohl es sein kann, dass ich das nach diesem Album mache. Und ja, Mum weigert sich, zu meinen Konzerten zu kommen. Sie hält die Musikindustrie für eine brutale Umgebung, speziell für ein Mädchen.