"Er dachte filmisch"
12.02.2008 | 21:05 Uhr 2008-02-12T21:05:02+0100Vor 125 Jahren starb Richard Wagner. Vielen ist er suspekt - wegen seiner antisemitischen Äußerungen und weil seine Familie mit Hitler befreundet war. WAZ-Gespräch mit Hans Neuenfels über Wagners Werk und Aktualität
Essen. Richard Wagner formulierte seine Festspielidee nach 1848 als Protest gegen den Opernbetrieb: Er warf ihm Effekthascherei und Virtuosentum vor. Aus Anlass des 125. Todestages des Komponisten sprachen Dirk Aschendorf und Florian Höhne mit dem Regisseur Hans Neuenfels. Seine "Tannhäuser"-Inszenierung hat am 29. März am Essener Aalto Premiere.
Mit den "Meistersingern" inszenierten Sie 1994 in Stuttgart ihren ersten Wagner. Im vergangenen Jahr besuchten Sie erstmals Bayreuth, und jetzt also "Tannhäuser" in Essen. Warum kommt Wagner bei Ihnen so spät?
Neuenfels: Verdi nahm so viel Platz ein in meinem Leben. Dann kam Mozart. Erst durch seine Schriften fand ich eine neue Annäherung an Wagner. Auf einmal hörte ich auch die Musik anders. Das war plötzlich gar nicht mehr sakral und steif. Ich entdeckte Witz, eine unglaubliche Fantasie. Aber auch eine Spannweite von kritischem Pathos bis zur genauen Betrachtung des Individuums und gesellschaftlicher Prozesse. Wagner beschwört den Sinnenrausch, dachte bereits filmisch, in schnellen Schnitten. Seine Aufführungen vertragen keine Statik.
Was sind das für Figuren - Holländer, Senta, Tannhäuser, Parsifal?
Neuenfels: Wagner ist ein Aufzeiger vieler mythologischer Schichten, von Albträumen und Konflikten. Er bleibt immer nah am Unterbewussten. Er schlammt Sagen und Mythen nicht zu, will sie vielmehr reinigen, falsche Mythen entlarven. Es geht ihm eigentlich immer um die Freiheit. Ganz modern um die Selbstverwirklichung des Ichs in der Gesellschaft.
Wie viel ist von Wagner in seinen Figuren?
Neuenfels. Viel. Er ist ein sehr subjektiver Komponist. Viele Privatprobleme, sein Blick auf die Frauen, auf die Gesellschaft, das alles fließt mit ein.
Wagner wird von manchen als Steigbügelhalter der Nazis gesehen. In Israel werden seine Werke bis heute nicht gespielt. Ist Wagner gefährlich?
Neuenfels: Es ist möglich, das solche Musik sich verschieben kann. Sie ist immer an der Grenze. Die Nazis haben das ausgenutzt. Wagner untersucht ja Verführbarkeit, auch zur Gewalt, zum Beispiel in der Prügelszene der Meistersinger. Er zeigt aber auch, dass der Einzelne Gefahr läuft, seinen Traum zu verlieren, weil die Gesellschaft ihn gleichschalten möchte, wie zum Beispiel Tannhäuser. Wagner war sich der Ambivalenz seiner Musik durchaus bewusst. Aber er schrieb den Nazis keine "Nationalhymne".
Sein Verhältnis zu Deutschland . . .
Neuenfels: Für das 19. Jahrhundert war Wagner exzeptionell. Aber auch ein kleiner Mann, der Größe suchte . . .
. . . vielleicht selbst eine Metapher für das damalige Deutschland . . .
Neuenfels: . . . schon, ja.
Wo liegt Wagners Aktualität?
Neuenfels: Die Figuren zu entmythologisieren, im Diskurs, in seiner Art, zu collagieren. In seinem Werk zeigt Wagner eine fast luxuriöse Hingabe an Skrupel und Zweifel. Es gibt eine ungeheure Fülle von Motiven und Themen. Mich interessiert da zum Beispiel, wie ein Phänomen wie Masse entsteht, was Masse ausmacht. Aber auch Wagners Komik . . .
. . . worin liegt die?
Neuenfels: In der Musik. Sonst könnte man das gar nicht inszenieren.
2010 machen Sie "Lohengrin" in Bayreuth. Glauben Sie, es wird das Festival so noch in acht oder zehn Jahren geben? Müsste es nicht endlich eine Repertoire-Erweiterung geben?
Neuenfels: Vor Bayreuth inszeniere ich 2009 noch "Parsifal" in Basel. Mit Gudrun Wagner kam ich gut zurecht, Katharina ist prächtig, aber noch sehr jung. Eine Repertoire-Erweiterung, wenigstens um die drei Frühwerke, muss es auf jeden Fall geben. Aber die Konzentration eines Festivals auf einen Komponisten ist gut in einer oberflächlichen Zeit. Es hat zugleich etwas von Askese und Überschwang, da wird etwas ernst genommen. Dieser Purismus hat schon eine Erotik in sich.
0mitdiskutieren