Die Angst im Orchestergraben
28.10.2009 | 07:56 Uhr 2009-10-28T07:56:00+0100
Duisburg. Viele Orchestermusiker versuchen, Stress und Lampenfieber mit Tabletten und Alkohol zu lindern - noch immer ein Tabuthema. Die Flötistin und Mentaltrainerin Petra Keßler hilft Musikern, auf gesündere Art mit dem Druck umzugehen.
Wir wissen es spätestens seit Jürgen Klinsmann: Je freier der Fußballer im Kopfe, desto besser rennt er auf dem Platz. Mentales Training soll es richten, wenn der Stress Blockaden schafft, statt Energie freizusetzen. Das wissen auch überarbeitete Manager zu schätzen. Doch es gibt eine neue, bisher wenig beachtete Klientel – etwa den frustrierten Orchester-Hornisten, die lampenfiebrige Sängerin, das fahrig übende Streichquartett. Martin Schrahn sprach darüber mit der Musik-Mentaltrainerin Petra Keßler.
Musizieren ist doch schön und macht Freude, oder?
Petra Keßler: Im Prinzip schon. Aber Orchestermusiker und Solisten stehen auch unter enormem Druck, jeden Abend Spitzenleistungen zu bringen. Sich immer aufs Neue zu motivieren, ist eine weitere große Herausforderung – gerade auch für langjährige Orchestermitglieder.
Aber die kommen nicht alle zu Ihnen?
Keßler: Nein. Es gibt Studien, die besagen, dass 25 Prozent der Orchestermusiker zu Alkohol oder Tabletten greifen, um etwa mit Lampenfieber umzugehen. Zum Teil handelt es sich dabei leider immer noch um ein Tabuthema.
Sie selbst sind von Haus aus Flötistin, gestalten eigenwillige Kammerkonzerte, in denen etwa Musik auf Literatur trifft. Spielen Sie auch im Orchester?
Keßler: Gelegentlich springe ich als Aushilfe ein. Und während des Studiums habe ich in verschiedenen Profiorchestern gespielt. Damals stellten sich mir übrigens schon die ersten Fragen nach möglichst effektiven Methoden des Übens. Heute kann ich sagen, dass stundenlanges Üben nicht immer zum Erfolg führt.
Sondern?
Keßler: Es geht auch darum, Konzentration zu lernen. Mit Lampenfieber umzugehen. Viele Musiker denken nur an ihre Probleme, an das, was sie nicht können. So werden ihre Ressourcen, also ihre Stärken, allzu sehr in den Hintergrund gedrängt.
Vor Probespielen stehen den meisten Instrumentalisten die eigenen Gedanken im Weg. Kurzum: Mentales Training will auch dabei helfen, das eigene Denken zu beobachten und schließlich zu verändern.
Können Können Sie Fallbeispiele nennen?
Keßler: Ja. Eine Musikerin klagte über extreme Nervosität bis hin zum Zittern beim Probespiel. Was ein häufiges Problem ist. Wir haben daran gearbeitet, am Ende hat sie eine Stelle in einem A-Orchester bekommen. Oder nehmen wir den Sänger, der regelmäßig zu mir kommt, vor wichtigen Konzerten. Wenn es darum geht, auf den Punkt die geforderte Leistung zu bringen.
Da hilft nicht nur üben, üben, üben?
Keßler: Nicht nur. Eine große Hilfe ist zum Beispiel das mentale Üben, ohne Instrument, in diesem Fall also ohne die Stimme. So können Bewegungsabläufe oft weit präziser optimiert werden. Der Sänger war skeptisch, aber es hat funktioniert.
Das alles hört sich ein bisschen nach Wunderheilung an. Was passiert denn nun konkret in Ihren Kursen?
Keßler: Die Teilnehmer lernen verschiedenste Übungen kennen. Wenn die auch zu Hause regelmäßig trainiert werden, führt das in der Regel auch zum Erfolg. Ich versuche zunächst ein Ressourcenbewusstsein zu schaffen und unterstütze das Training unter anderem mit Entspannungstechniken. Mit Wunderheilung hat das nichts zu tun.
An der Hochschule lernen Musikstudenten so etwas eher nicht.
Keßler: Nein, dafür sind die Instrumentallehrer in der Regel auch nicht ausgebildet. Als Hochleistungssportler haben Sie den Trainer, Physiotherapeuten und Mentaltrainer. Das wäre für die jungen Musiker ideal. Um dauerhaft Spaß an ihrem Beruf zu haben.
11:25
Na, wird aber langsam Zeit auch für Musiker Dopingtests einzuführen...;-)