Der Dirigent imaginärer Symphonien
05.05.2008 | 15:40 Uhr 2008-05-05T15:40:00+0200Die Zeitung "The Guardian" kürte sein 1982 gegründetes Orchester "Les Musiciens du Louvre-Grenoble" zu einem der Besten der Welt. ...
... Und Marc Minkowski kann von sich behaupten, zum Wiedererstarken der Barockmusik in Frankreich sein Quäntchen beigetragen zu haben. Das Konzerthaus Dortmund widmet ihm vom 29. Mai bis 1. Juni ein dreitägiges Festival, "Zeitinsel" genannt. Die WR besuchte Monsieur Minkowski in Paris.
Es ist ein ganz normaler Dienstag im Herzen der Seine-Metropole. Feinkostläden, Bistros und Obststände säumen die Rue Mouffetard, eine der ältesten Straßen von Paris. Es ist kurz vor Mittag, viele Menschen lassen sich treiben zwischen den Fassaden aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. In einer Seitenstraße lebt Marc Minkowski. Kein Namensschild verrät das - man muss es wissen. Der Dirigent öffnet die schwere Holztür.
Eine Wohnung wie ein kleines Paradies
Gerade erst ist er beim Pariser Kulturattaché gewesen, in Kürze fährt sein Zug - es ist einer der wenigen Tage, die Marc Minkowski in seiner Heimat verbringen kann, und er entschuldigt sich schon jetzt, dass er nur wenig Zeit hat.
Mit der nächsten Tür öffnet sich die Pforte zu einem kleinen Paradies. Vielleicht 200 qm, eingerichtet, wie man es aus Wohnzeitschriften kennt: plüschig-rotes Samtsofa, schwarzer Flügel und mittendrin eine Freiluft-Oase mit riesigem Bambus.
Der Abend zuvor war ein besonderer für ihn und sein Orchester: Bei einem Konzert im "Châtelet", einem Konzertsaal mit Samtsitzen und goldenen Balkonen, haben sich die Musiker Gluck, Haydn - und vor allem Jean-Philippe Rameau gewidmet. Minkowski hatte schon 2005 für Furore gesorgt, indem er aus Opern und Ballettwerken des Komponisten die Symphonie zusammenstellte, die Rameau nie geschrieben hat. Die erste "Symphonie imaginaire" der Geschichte. Und dank des Reichtums von Rameaus Kompositionen präsentierte Minkowski den Parisern jetzt eine weitere erdachte Symphonie - die schon vor dem letzten Ton mit "Bravo"-Rufen gefeiert wurde. "Rameau ist so faszinierend", sagt der Dirigent. "einer der wichtigsten französischen Komponisten neben Berlioz und Messiaén."
Der gelernte Fagottist will sich allerdings nicht festlegen lassen: Das Repertoire der "Musiciens du Louvre-Grenoble" reicht vom Barock bis zum 20. Jahrhundert; auch mit Opernliteratur haben sie sich einen Namen gemacht. "Ich mag es, Raritäten aufzuführen und ich mag es, Populäres zu bringen. Nur Raritäten wären langweilig, nur Populäres frustrierend."
Heute gilt sein Ensemble als richtungsweisend darin, Musik im Stil ihrer Epoche und auf Originalinstrumenten zu interpretieren: "Das hat solch einen magischen Charme", sagt Minkowski. "Das ist kein Snobismus. Es geht darum, eine dramaturgische Reise mit der Seele des Komponisten anzutreten." Wir leben in einer Zeit, "in der wir wissen wollen, wie Dinge entstanden sind". Kunst und Wissenschaft gehen für Minkowski Hand in Hand.
Sein nächster Coup: Die Aufnahme aller Londoner Sinfonien von Joseph Haydn. Fünf Stunden Musik. "Haydn ist die Basis jedes guten Orchesters."
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