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Interview

Blue-Note: "John Coltrane war für mich ein Gott"

06.01.2009 | 08:30 Uhr
Jimmy Smith - EMI / Blue Note Records
Jimmy Smith - EMI / Blue Note Records

Die US-Plattenfirma Blue Note gilt als das berühmteste Jazz-Label der Welt. Am 6. Januar 2009 feiert die Firma ihr 70-jähriges Jubiläum. Label-Boss Michael Cuscuna gestand Jürgen Overkott, dass er sich als junger Mann nicht traute, Jazz-Gott John Coltrane anzusprechen.

WR: Das legendäre Jazz-Label Blue Note kommt mir vor wie ein Mercedes: Spitzentechnologie, aber ziemlich konservativ. Habe ich Recht?

Michael Cuscuna: Hm, ja, ich würde schon sagen, dass das stimmt.

WR: Tatsächlich? Ich hatte Widerspruch erwartet.

MC: Na ja, ich meine natürlich nicht konservativ im klassischen Sinne. Wir haben natürlich eine Menge junger Künstler unter Vertrag, beispielsweise Robert Glasberg. Außerdem sehen wir uns um, was es außerhalb der Jazz-Welt gibt. Nehmen wir nur Al Green oder Norah Jones. Also: Wir sind nicht konservativ in dem Sinne, dass wir vernagelt sind.

WR: Sie sind ja nicht nur Musik-Manager, sondern auch Musiker. Was sind denn Ihre Lieblingsnoten?

MC: (lacht) Also, es müssen schon Moll-Noten sein.

WR: Und Blue Notes?

MC: (lacht) Das sind sowieso die besten, die ich kenne. – Nein, noch mal zurück: Wir sind tief verwurzelt in der afroamerikanischen Tradition von Musik. Natürlich pflegen wir auch die Standards, die eher aus der Tradition der amerikanischen Mainstream-Gesellschaft kommen.

WR: Muss man sich denn als Musik-Manager mit Blue Notes auskennen – oder reicht es, sich mit Dollar-Noten auszukennen?

MC: Also, bei uns müssen es schon Blue Notes sein. Klar, im Musikgeschäft muss schon ans Geldverdienen denken. Aber Du musst schon stolz auf Deine Sache sein, und Du musst daran glauben. In dieser Hinsicht denke ich genauso wie die Label-Gründer Alfred Lion und Francis Wolff.

Nehmen wir mal Norah Jones. Als wir sie unter Vertrag genommen haben, dachten wir, die verkauft ein paar hundert oder vielleicht ein paar tausend Platten. Nun sind es mehr als 20 Millionen geworden.

WR: Habe ich recht gehört: 20 Millionen?

MC: Oh ja, 20 Millionen von ihrem ersten Album.

WR: Wie viel Leidenschaft brauchen Sie, um Ihre Arbeit ernsthaft zu erledigen?

MC: Du brauchst eine Menge Leidenschaft. Großartige Alben bringen selten großartige Verkaufszahlen. Du brauchst also Leidenschaft für die Musik – und natürlich Leidenschaft für diejenigen, die die Musik machen. Wir haben das Glück, dass unsere Leute nicht nur tolle Künstler, sondern auch tolle Persönlichkeiten sind – so dass ich viele von ihnen als Freunde ansehe.

WR: Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Jazz entdeckt?

MC: Ich war ungefähr zwölf. Ich war damals ein sehr, sehr großer Fan von Rhythm & Blues. Das war plus-minus 1960. Ich spielte damals Schlagzeug, und ich habe mich darauf konzentriert, Alben zu kaufen, wo Schlagzeug-Soli drauf waren – Gene Krupa zum Beispiel oder Buddy Rich. Nach und nach habe ich nicht nur auf die Soli geachtet, sondern auf die ganze Musik – und von da an war ich mit dem Jazz-Virus infiziert.

WR: Haben Sie sich getraut, Jazzer bei Konzerten anzusprechen?

MC: Gute Frage. Ja, ich habe (den Schlagzeuger; Red.) Elvin Jones angesprochen. Aber ich hatte niemals den Mut, John Coltrane anzusprechen. Er war für mich ein Gott (am Saxophon, Red.). Die Geschichte stimmt übrigens: Er verschwand nach seinen Auftritten von der Bühne entweder in die Garderobe oder in die Küche, um dort zu meditieren.

WR: Welche Rolle spielten die Plattencover des Blue-Note-Fotografen Francis Wolff und des Grafikers Reid Miles für Sie?

MC: Meine erste Blue-Note-Platte war Art Blakeys Album „The Big Beat“. Damals hatte die Grafik noch nicht ihren unverkennbaren Stil gefunden. Aber kurze Zeit später war es so: Du gingst in einen Plattenladen, hieltest ein Cover in der Hand und wusstest genau, das ist ein Blue-Note-Album. Ich habe irgendwann angefangen, Blue-Note-Alben zu sammeln. Das Album „Una Mas“ von Kenny Durham habe ich gekauft, ohne eine einzige Note gehört zu haben. Und in dieser Zeit kamen einige sensationelle Alben raus, von Herbie Hancock, Tony Williams und vielen anderen. Die Aufnahmen unterschieden sich stark von einander, aber die Grafik gab der Serie eine einheitliche Handschrift.

WR: In den 50er Jahren wurde aus Jazz plötzlich Kunst. War das eine Chance – oder ein Problem?

MC: (denkt nach) Ich glaube, beides. Das fing in den späten 40ern an, als Bebop aufkam. Und das ist doch klar: Je weniger populäre Musik Jazzer produzierten, desto mehr verlor Jazz an Popularität. Aber als Blue Note Mitte der 50er Bedeutung gewann, versuchte die Plattenfirma mit Leuten wie Art Blakey, den Bebop wieder zu erden und ein größeres Publikum zu erreichen. Durch mehr Blues und mehr Gospel-Feeling. Durch mehr Soul und mehr Melodien. Ja, und damit waren wir sehr erfolgreich.

WR: Welche Rolle spielte Ton-Ingenieur Rudy van Gelder für den Blue-Note-Sound?

MC: Oh, Rudy van Gelder spielte eine sehr, sehr große Rolle bei den Aufnahmen. Er hatte eine Art aufzunehmen, die ihn von allen anderen Ton-Ingenieuren unterschied. Als junger Mann fuhr Rudy total auf Live-Musik ab. Er wollte genau dies auch mit seinen Studio-Aufnahmen erreichen: nämlich einen druckvollen Sound mit den Hörnern. Bei Art Blakey, zum Beispiel, kam es Rudy darauf an, das Schlagzeug richtig krachen zu lassen. Rudy hatte eine Aufnahme-Technik ausgeknobelt, die Höhen der Musik rüberzubringen und zugleich auch die Bässe.

WR: Haben Sie jemals die Label-Gründer getroffen?

MC: Franics habe ich nie gesehen. Mit Alfred habe ich erst telefoniert. Er hatte gelesen, was ich in der New York Times über Thelonious Monk geschrieben hatte, und das hatte ihm sehr gefallen. Irgendwann haben wir uns auch getroffen.

WR: Welche Ausstrahlung hatte er?

MC: Alfred Lion zeichnete eine ungeheure Begeisterungsfähigkeit aus. Und die hat ihn nie verlassen. Zugleich ist mir eines an ihm aufgefallen: Er war ein ziemlich nervöser Typ; er stand unter Strom. Ich glaube, das ist der Preis dafür, eine unabhängige Plattenfirma zu führen. Das ist eine sehr stressige Angelegenheit.

WR: Haben Sie damals schon mit dem Gedanken gespielt, Alfred Lion zu beerben?

MC: Irgendwo schon, nachdem wir eine lange Zeit miteinander verbracht hatten. Die Art, wie ich Platten mache, ist seiner Art recht ähnlich. Ich habe angefangen so um 1967 herum. Wenn Du gute Aufnahmen haben willst, darfst Du die Musiker nicht ausbeuten, und Du musst die Aufnahmen gut planen. Das erfordert viel Vorbereitungszeit. Also, wenn wir dann ins Studio gehen, mit den besten Musikern und dem besten Material, können alle ihr Bestes geben. Dann klingt alles frisch und knackig. In diesem Moment habe ich auch verstanden, warum mich Blue-Note-Alben so fasziniert haben.

WR: 1979 wurde Blue Note beerdigt, vorübergehend zumindest. Was haben Sie damals gedacht?

MC: Also, es war ein schleichender Tod. Ich war 1975 gerade mit einer Produktion von Chico Hamilton beschäftigt, und die lief nicht richtig. Deshalb habe ich mit in der Zeit zwischen 1975 und 1981 hauptsächlich damit beschäftigt, altes Material von Alfred aufzupolieren. Gleichzeitig schrumpfte die Zahl unserer Vertragskünstler. Schließlich blieb nur noch Horace Silver übrig. Er war der letzte, der ging, 1981. Die Plattenindustrie steckte in einer Krise. Wir waren uns damals entschieden, unsere Archiv-Aufnahmen als Lizenzen an andere Plattenfirmen zu vergeben, damit wenigstens die Musik am Leben zu erhalten. Ja, und 1985 übernahm die EMI den Laden und wagte einen Neustart in New York.

WR: Fusion mag in den 70ern den Tod von Blue Note gewesen sein, aber in den 80er starb Fusion dann. Fans wandten sich wieder akustischem Jazz zu. Haben Sie eine Idee, warum?

MC: Ja, tatsächlich. Bei Fusion war das Ende abzusehen. Am Anfang war das alles unheimlich innovativ, denken Sie an Chick Corea oder Herbie Hancock. Aber die beiden und auch viele andere wandten sich später anderen Projekten zu. Die einzige Gruppe, die bei Fusion blieb (und ich glaube, es war die beste), war Weather Report. Und die nachwachsende Generation von Musiker orientierte sich plötzlich wieder an Leuten wie Dexter Gordon oder Art Blakey, bei denen die Musik nach vorne losging.

WR: Das Gleiche gilt natürlich auch fürs Publikum.

MC: Nee, nee, ich glaube, das Publikum hat sich von Hard Bop und Soul Jazz niemals abgewandt. In New York hat es immer so viele Clubs gegeben, die diese Art von Musik erfolgreich gepflegt haben. Aber ich habe natürlich keine Ahnung, wie es in Chicago oder Düsseldorf war.

WR: Wenn wir mal einen Blick in die Zukunft wagen: Haben Sie Angst vorm Internet?

MC: Nein! Ich glaube zwar, dass die Macht des Internet alles verändert. Ich weiß aber, dass Musiker ihre Rolle überdenken müssen: Sie sind mehr als früher damit beschäftigt, ihre Musik zu vermarkten – es reicht nicht mehr, sie aufzunehmen. Für Musiker ist es die einzige Möglichkeit zu überleben, wenn sie sich neben ihrer Musik auch um eine ordentliche Internet-Seite kümmern, wo sie auch ihre Musik verkaufen können. Ich bin mir nämlich sicher, dass die heutige Struktur der Plattenfirmen nicht ewig bestehen bleibt.

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Jürgen Overkott

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