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Bayreuth für Einsteiger und Ahnungslose

23.07.2010 | 18:04 Uhr
Bayreuth für Einsteiger und Ahnungslose
Das Festspielhaus auf dem „Grünen Hügel" in Bayreuth: Sonntag werden dort die 99. Richard-Wagner-Festspiele eröffnet. Foto: dapd

Bayreuth.Sie zählen zu den berühmtesten Musikfestivals der Welt: Am Sonntag werden in Bayreuth die 99. Richard-Wagner-Festspiele eröffnet. Was macht sie so besonders? Was Sie immer schon über Bayreuth wissen wollten, aber nie zu fragen wagten...

Lars von der Gönna berichtet für die WAZ-Mediengruppe aus Bayreuth. Karikatur: Heiko Sakurai

Alle reden drüber, aber die wenigsten sind schon mal dagewesen. Die Bayreuther Festspiele - für die einen Kultstätte der Opernmusik, für andere ein seltsamer Schickeria-Auflauf. Falls Sie sich so gar nicht vorstellen können, warum der Grüne Hügel auf viele wie ein Magnet wirkt, haben wir einfach mal die wichtigsten Fragen für Quereinsteiger, Ahnungslose und Neugierige gestellt - und beantwortet.

Wer fährt nach Bayreuth?

Ausschließlich Verrückte. Wagner-Verrückte natürlich. Etwas anderes als Wagner-Oper wird im Festspielhaus seit 1876 nicht aufgeführt, kein Mozart, kein Moik, nichts als schierer Wagner. Das hat der Komponist (1813 - 1883) so gewollt, man hält sich bis heute daran. Auch weil die berühmtesten Festspiele der Welt ein Familienunternehmen sind. Name: Wagner.

Gehört das Festspielhaus den Wagners?

Nein, schon lange nicht mehr. Man schafft dort zur Miete. Bis vor kurzem (bei Wolfgang Wagner, Enkel von Richard) sogar auf Lebenszeit. Das wird in Zukunft kaum mehr vorkommen. Aktuell sind Richard Wagners Urenkelinnen Katharina (32) und Eva (65) Leiterinnen der Spiele. Es gibt kein Gesetz, das die Bayreuther Festspiele zu Wagnerschem Familienbesitz macht. Die Urheberrechte für die Opern sind ohnehin abgelaufen.

Wer größer als Danny DeVito ist, hat es schwer - in einer Art musischer Sardinenhaltung

Warum wollen so viele Menschen nach Bayreuth?

Es gibt kein anderes bestehendes Opernhaus auf der Welt, das ein Komponist nur für seine Werke erbauen ließ und zwar exakt nach seinen Vorstellungen. Nicht Mozart, nicht Verdi. Verehrer glauben den Geist Wagners hier besonders zu spüren. Viele kommen auch wegen einer ganz besonderen Akustik.

Eine Büste Richard Wagners in Bayreuth. Foto: imago

Was ist das Besondere an der Akustik?

Zwei Dinge. Erstens eine Art Muschel im Orchestergraben, die den Klang auf besondere Weise mit den Stimmen von der Bühne mischt. Zweitens gibt es im riesigen Zuschauerraum kaum architektonische Schallschlucker: alles ist mit Holz verkleidet, es gibt keine Seitenbalkone und keine dicken Polster. Das lässt einen sehr präsenten, vom Raum getragenen Klang zu. Der Genuss beim Sitzen ist leider weniger groß, ganz gleich, ob man Kanzler ist oder Normalsterblicher.

Wie sitzt man denn?

Furchtbar. Wer größer ist als Danny DeVito, hat es schwer. Die Bestuhlung ist aus der Zeit Wagners, als Menschen kleiner waren und/oder Musik-Erleben viel selbstverständlicher mit Leiden verbunden haben. Die Reihen sind so schmal, dass man seine Kniescheiben permanent an die Stuhlrücken vor sich presst. Es gibt keine Armlehnen, und da man unbekannte Nachbarn selbst unter Wagnerianer nicht betatscht, legt man sie auf die eigenen Oberschenkel: eine Art musische Sardinenhaltung. Außerdem sind die Rückenlehnen viel zu niedrig. Fränkische Orthopäden haben während der Festspiele nicht schlecht zu tun.

Kurze Hosen im Orchestergraben

Ist Bayreuth für den Staat teuer?

Einerseits ja, anderseits ginge ohne die vielen Mäzene (der berühmteste war König Ludwig II.) und Förderkreise gar nichts. Von dem Budget von ca. 16 Millionen Euro übernimmt die öffentliche Hand unter 5 Millionen.

Die Leiterinnen der Bayreuther Festspiele Katharina Wagner (l.) und Eva Wagner-Pasquier. Foto: ddp

Kriegen Sänger in Bayreuth mehr für einen Auftritt als anderswo?

Im Gegenteil! Die Festspiele werden sparsam geführt. An New Yorks berühmtem Opernhaus, der „Met”, verdient ein guter Tenor mitunter an einem Abend, wofür er in Bayreuth eine Woche schmettern muss. Und unter Orchestermusikern heißt es: „Man kommt nicht hierher, um Geld zu verdienen!”

Die Festspiele dauern nur fünf Wochen. Was macht das Festspielorchester den Rest des Jahres?

Das Orchester (wie auch den Chor) gibt es den Rest des Jahres gar nicht. Es kommt nur für die Festspiele zusammen. Fast alle Instrumentalisten sind Mitglieder fester Orchester, darunter auch Klangkörper des Ruhrgebiets. In Bayreuth spielen sie übrigens gelegentlich in kurzen Hosen.

Wieso in kurzen Hosen?

Weil man sie durch die spezielle Konstruktion des Orchestergrabens gar nicht sieht und es im 2000 Menschen fassenden Festspielhaus im Juli und August grässlich heiß werden kann. Man geigt und paukt also zwanglos im T-Shirt, so erhaben die Musik auch sei. Selbst Star-Dirigent Daniel Barenboim soll Wagners „Meistersinger” in Shorts und Espadrilles dirigiert haben, ehe er zum Schlussapplaus in den Frack sprang.

Über die papageienhaften Gottschalks lachen die meisten Wagnerianer

Thomas und Thea Gottschalk bei der Eröffnung der Festspiele 2008. Foto: Reuters

Warum wartet man so lange auf Karten für Bayreuth?

Die Wartezeit ist reine Mathematik: Knapp eine halbe Million Kartenwünsche und 56 000 Tickets, das passt einfach schlecht zusammen. Im Durchschnitt wartet man zehn Jahre, Regierungschefs etwas weniger. Kostbar ist, was knapp ist - dieser Effekt unterstützt die Nachfrage natürlich.

Sind die Karten sehr teuer?

Absolut nicht. Richard Wagner wollte Festspiele für alle. Bis heute gibt es Karten ab 15 Euro - wenn man welchen bekommt. Die besten Plätze kosten 280 Euro und finden Käufer, die das bezahlen können.

Sind während der Festspiele viele Prominente da?

Nach dem Eröffnungstag lässt das deutlich nach. Dann reisen Leute wie die papageienhaften Gottschalks, über die die meisten Wagnerianer ohnehin lachen, ab. Eine Ausnahme bildet Angela Merkel. Die Kanzlerin ist große Wagner-Liebhaberin und blieb etwa 2008 nach der Premiere als Privatbesucherin der Spiele in Bayreuth - ohne großes Aufheben darum zu machen.

Der Rest des Publikums ist bis zum Ende der Festspiele zwischen 15 und 95 Jahre alt, Fan und unprominent. Ein paar wenige Wichtigtuer, für die das Dabeisein so wichtig ist wie Golfspielen oder ihr Porsche gibt es hier natürlich wie überall auf der Welt.

Die Sehnsucht nach Erlösung

Was sind die wichtigsten Opern Wagners?

Alle, die in Bayreuth aufgeführt werden natürlich: Tristan und Isolde, Parsifal, Tannhäuser, Lohengrin, Der fliegende Holländer, Die Meistersinger, Der Ring des Nibelungen.

Wovon handeln die Opern?

Wagner hat ein paar Lieblingsthemen. Die Sehnsucht nach Erlösung (wichtig in Parsifal, Holländer, aber auch Tannhäuser und Lohengrin) gehört dazu. Genauso hat Wagner aber auch die Unvereinbarkeit von Liebe und Macht fasziniert, davon erzählt er vor allem im „Ring des Nibelungen”. Das ist übrigens seine längste Oper. Sie dauert rund 14 Stunden - zum Glück auf vier Abende verteilt.

Lars von der Gönna

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