Als mir bei Drafi Deutscher mein Herz brach

Oldies But Goldies: An die allererste Schallplatte erinnern sich viele Menschen auch nach vielen Jahren.
Oldies But Goldies: An die allererste Schallplatte erinnern sich viele Menschen auch nach vielen Jahren.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Um die Geschichte Ihrer ersten Platte hatten wir Sie gebeten. Seitdem sind viele E-Mails in der Redaktion eingetrudelt. Hier ist eine Auswahl.

Mit Rex auf dem Teppich

Essen.. Ich wusste nicht, wer oder was Dondolo war, aber als Rex Gildo sang „…Träumen, träumen auf einem fliegenden Teppich sein“. Da war es um mich geschehen. Rex und ich lagen auf einem braunen Perserteppich, der durch den warmen Wind segelte und uns zum Zielort in den Orient brachte. Als Neunjährige verliebte ich mich in sein strahlend weißes Lächeln, das er nur für mich anknipste, gab meinem Goldfisch seinen Namen und träumte mich immer wieder mit Hilfe der Single in eine andere Welt.
Christiane Weber, Dortmund


Wochenende am Kanal

Ich besaß damals einen kleinen, tragbaren Plattenspieler, den ich als Internatsschülerin eigentlich nur Zuhause benutzen durfte. Aber da wir damals oft nur alle 14 Tage am Wochenende nach Hause fuhren, versteckte ich den Plattenspieler im Schrank im Wäschesack. Am Wochenende, wenn es zwei bis vier Stunden Ausgang gab, gingen wir an den Kanal, setzten uns auf eine Decke ins Gras und dudelten Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht...“ rauf und runter, wobei wir natürlich lauthals mitsangen. Es hörte uns ja niemand. Später gehörte dieses Lied natürlich zur Tanzstunde dazu und wir dachten vielleicht beim Hören an unseren tollen Tanzpartner. Diese Zeit bleibt unvergesslich, und auch heute noch habe ich die Single, die ich hin und wieder auflege, wenn ich allein bin und mich unbeobachtet fühle.
Ellen Oettgen, Essen

Nachwuchs mit Musikgespür

Es war 1967, ich war 14 Jahre alt, im ersten Lehrjahr und im Fernsehen wurde eine Dokumentation über die Bee Gees gezeigt. Die Musik hatte mich sofort in ihren Bann gezogen, und so wünschte ich mir von meinen Eltern zu Weihnachten die Platte „Idea“. Von meinem schmalen Lehrlingslohn die 20 Mark abzuzwacken, war schon heftig. Ich konnte die Zeit nicht abwarten, bis es endlich so weit war. Außerdem hatte ich noch das Problem, keinen Plattenspieler zu haben. Da sprang meine Großmutter in die Bresche und so stand unter dem Weihnachtsbaum auch noch ein Kofferplattenspieler. Als ich vor ein paar Monaten mit unserem Sohn über Musik überhaupt und die Bee Gees im Besonderen diskutierte, bekam er wohl mit, dass ich immer noch die Musik aus der Idea-Zeit gerne höre. Er schenkte mir kurz darauf eine Doppel-CD in Remastered Version der Idea.
Jürgen Kirsch, Meschede


Heiße Westware im Osten

Die erste Platte, die ich von meinem Lehrlingsgeld kaufte, war Deep Purple in Rock. Für eine astronomische Summe von damals 130 Ostmark. 1971 ging ich mit 16 Jahren ins erste Lehrjahr als Schweißer. Ich wohnte damals in Leipzig und hing jede freie Minute am Radio – Rias Berlin oder NDR 2. Mittwochs auch die Hitparade des Deutschlandfunks auf Mittelwelle. Von Anfang an hörte ich immer härtere Sachen: Rolling Stones, The Kinks oder The Who. Von der Ferienarbeit hatte ich 200 Mark gespart und musste lang überlegen, kaufte die Platte schließlich aber doch. Als erstes habe ich sie zur Schonung auf Tonband überspielt und sie dann tagelang, wochenlang vom Band gehört. Nachts hörte ich über Kopfhörer und berauschte mich an dem satten Stereoklang. Schon der erste Titel war ein Traum: Speed King. Diese klare kraftvolle Stimme von Ian Gillan und der Hammersound fetzten. Diese LP war der Beginn einer Sammlung von West-Platten, die auch dazu dienten, mit anderen Plattenfreaks in Leipzig zu tauschen.
Stefan Hartung, Essen

An Apple A Day

Die Wiesen- und Buschlandschaft am Stadtrand war ideal zum Indianer spielen. So pirschten wir zwei Grundschüler uns an den Lagerplatz der Halbstarken heran, die mit Bier und Schallplatten campierten. Je leerer ihre Flaschen wurden, desto mehr Platten schwirrten als Frisbee-Scheiben durch die Luft. Als wir entdeckt waren, spielten wir die Braven, sammelten Platten ein und brachten sie zurück. Aber fette Beute witternd, kehrten wir am nächsten Tag zurück, durchkämmten die Büsche und teilten die Fundstücke anschließend auf. Meine erste Wahl fiel auf einen Scheibe, auf deren Label ein grüner Apfel war. Drehte man die Scheibe, war er durchgeschnitten! Als sie sich zu Hause auf dem Plattenteller drehte und irgendwelche mir unbekannten Beatles „Let it be“ sangen, war es eine jener Sternstunden, in denen alles zusammenpasst. Aus dem Indianer wurde ein Beatles-Fan.
Johannes Albers, Essen


Der Klassiker der Klassik

Anfang der 70er Jahre war ich 14 Jahre alt. Sicher hat damals zur Elektrisierung durch diese Musik beigetragen, dass ich ein bisschen in meine Musiklehrerin verliebt war. Und auch, dass ich Gitarre mochte und lernte. Dann: Zum ersten Mal in ungefähr 16 Minuten das Spannendste, was ich bis dahin gehört hatte. Und mich bis heute noch regelmäßig in Spannung versetzt: Bolero. Dieses Stück, eine Art Riesengitarre. Von Ravel. Meine Mitschüler verdrehten überwiegend die Augen und in ihren Kommentaren spiegelte sich ihre Vorliebe für Beatles, Pink Floyd, Rolling Stones. Ich aber war einfach platt. Dieses Stück, das sich vom fast intimen Einmanntrommelrhythmus aufschwingt zum exhibitionistischen 120 Personenorchestermusikerhöhepunkt, war mein Ding. Aber leider noch nicht meine Platte.
Klassikplatten waren damals immer LPs, und für einen Schüler waren 28 Mark eine Menge Knete. Irgendwann hatte ich das Geld zusammengespart und bin mit dem Bus nach der Schule zur Ruhr-Uni gefahren. Dort gab’s im Mensafoyer während der Mittagspause Stände, an denen Studenten aus großen Obstkartons Rock-, Pop-, Jazz- und Klassikplatten verkauften. Der Bolero war dabei, vielleicht aber nur wegen der „Bilder einer Ausstellung“, die auf die selbe Platte gepresst waren. Die klassische Orchesterversion von Ravel. Eine Karajan-Aufnahme.
Für das 10-Familienhaus waren diese Platte und das Stück selbst mit der „mickerigen“ Kompaktanlage zu „groß“ – komischerweise hat es aber niemals ernsthafte Beschwerden wegen meines penetrant klassischen Krachs und des Mithörzwangs gegeben. Den gab’s erst, als ich einige Monate später das Geld für meine zweite LP zusammenhatte. Beethovens Fünfte.
Ich war verwundert, wie schnell und bereitwillig meine Eltern bereit waren, für die Kompaktanlage einen tollen Kopfhörer zu spendieren.
Jürgen Wenke, Bochum


Mit dem Idol an der Hotelbar

Es war im Frühjahr 1955. In den Ferien hatte ich mir durch Gartenarbeit bei den Nachbarn das Geld zusammengespart, um meinen ersten Plattenspieler anzuschaffen. Das Geld reichte gerade noch für die erste Langspielplatte, und das war sie: „Carry on Rockin’“ von Fats Domino. Es war ja der Beginn des Rock ’n’ Roll.
Damals ahnte ich noch nicht, dass ich 1973 bis nach Frankfurt fahren würde, um meinen Lieblingssänger mit seiner 13-köpfigen Band zum ersten Mal live zu erleben und als liebenswerten Künstler ohne jede Starallüren kennenzulernen. Schon gar nicht wäre mir in den Sinn gekommen, dass ich nach Konzerten in Dortmund und Essen in der Hotelbar mit ihm Bier trinken und ihm meine Fotos von seinen Konzerten zeigen würde.
In Erinnerung geblieben ist mir eine Situation beim Konzert in der alten Bochumer Ruhrlandhalle. Fats war bekannt dafür, dass er seine Erfolgstitel auf Zuruf spielte, manchmal sogar „Blueberry Hill“ zweimal hintereinander. Ein Fan, neben mir vor der Bühne stehend, schrie ihm mehrfach vergeblich einen Titel zu, bis der Star an die Rampe kam und entschuldigend sagte: „Sorry, ich hab’ den Text vergessen.“
Karl-Wilhelm Specht, Mülheim


Mutti beim Tanzen erwischt

Meine erste Platte kostete mich einen K(r)ampf mit meinen Eltern. Beide waren begeisterte Opernfans und ließen keine Musik neben den Göttern des Klassik-Olymps zu. Als ich Anfang der 70er-Jahre im Alter von 14 Jahren die moderne Popmusik zu entdecken begann, sahen sie dadurch ihre Erziehungserfolge nicht nur massiv bedroht. Besonders im Hinblick darauf, dass ich nur allzu gut Englisch verstand (wenn ich wollte; und bei Songtexten wollte ich immer). Selbstverständlich war es mir bei Strafe verboten, mein Taschengeld „für solchen Schund zum Fenster rauszuwerfen“.
Mir blieb nichts anderes übrig, als meine geliebte Musik außer Haus im Taschenradio oder bei Freundinnen zu hören. Als Middle of the Road „Sacramento“ herausbrachte, liebte ich den Song sofort wegen seiner mitreißenden Melodie und musste die Platte unbedingt haben. Ich kaufte sie heimlich, versteckte sie permanent in meiner Schultasche und nutzte die wenigen Zeiten, wenn meine Mutter zum Einkaufen außer Haus war, um sie ganz leise auf dem elterlichen Plattenspieler zu hören.
Eines Tages kam meine Mutter unerwartet früher nach Hause und erwischte mich in flagranti. Meine Mutter brach in Tränen aus angesichts meiner Abtrünnigkeit von der guten klassischen Musik und wollte meine Platte zerbrechen. Ich drohte, in dem Fall ihre Platten zu zerbrechen und ließ mich durch keine Drohung und keine Strafe einschüchtern. Von da an durfte ich meine Platte offiziell hören, wenn auch begleitet von ständiger zur Schau gestellter Missbilligung. Am Ende zog der Rest der Popmusik auch noch bei uns ein, denn als ich eines Tages eine Stunde früher aus der Schule nach Hause kam, erwischte ich meine Mutter in flagranti, wie sie „Sacramento“ anhörte und inbrünstig mitsang. „Sacramento“ blieb über viele Jahre meine Lieblingsplatte, und ich besitze sie noch heute.
Mara Laue, Kleve


Eine Disco-Nacht in Essen

Es war 1978, ich besuchte das neunte Schuljahr der Realschule in Eslohe. In unsere Klasse kam eine neue Mitschülerin, Anke, schnell war sie meine Freundin – und zog leider etwas später nach Essen. Auf ihre Einladung besuchte ich sie in den Sommerferien und ich – der Teenie aus einem Dorf mit zwölf Häusern – ging zum ersten Mal in eine richtige Diskothek! Dort lief dann irgendwann „Born to be alive“. Ich war total hin und weg. So ein cooler Song! Ich war restlos begeistert, traute mich aber nicht, zu tanzen.
Wieder zu Hause nahm ich dann sofort mein restliches Taschengeld, fuhr mit dem Bus nach Meschede zum Lichthaus Menne und erstand die Single. Die kostete mich damals ganze 6 Mark. War ich stolz – meine erste Platte! Auf der A-Seite der gesungene Song von Patrick Hernandez, auf der B-Seite die Instrumentalfassung.
Das Lied lief lange Zeit rauf und runter auf meinem kleinen Dual-Plattenspieler. Sehr zum Leidwesen meiner Familie, denn auf Zimmerlautstärke ging das natürlich gar nicht. Nehme ich die Hülle heute (mit 50 Jahren) zur Hand, erinnere ich mich genau an die damalige Zeit und das tolle Erlebnis, das erste Mal eine Diskothek zu besuchen. Bin ich auf einer Party mit DJ, wünsche ich mir immer wieder diesen Song. Er ist einfach nicht zum Satthören.
Rita Kebekus, Niedersalwey


Schicken Sie uns die Geschichte Ihrer ersten Platte: redaktion.leben@waz.de