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Klavierfestival Ruhr

Alfred Brendel: "Ich höre ja nicht auf zu leben"

07.07.2009 | 08:18 Uhr
Alfred Brendel: "Ich höre ja nicht auf zu leben"

Essen. Für drei sogenannten "Lectures" ist der Pianist Alfred Brendel zurückgekommen auf die Bühne, die er 2008 offiziell verlassen hatte. Junge Pianisten scharten sich beim Klavierfestival um einen alten Meister: die Brendel-Woche in Mülheim.

Pianist Alfred Brendel. (c) imago

Als Alfred Brendel im Dezember 2008 in Wien sein offiziell letztes Konzert gab, kurz vor seinem 78., wollte er das keineswegs so verstanden wissen, als werde er künftig allenfalls noch die Play-Taste am CD-Spieler berühren. „Ich höre ja nicht auf zu leben”, waren seine Worte. Und so hat der große alte Mann des Klaviers bei der Hommage, die ihm das Klavier-Festival Ruhr im Rahmen der Reihe „Die großen Klavierschulen der Gegenwart” in der Mülheimer Stadthalle gönnte, dreimal selbst auf der Bühne gesessen – ohne seinem Entschluss untreu zu werden.

In drei, wie es neudeutsch heißt, „Lectures”, Vorträgen mit Musikbeispielen, schärfte Brendel das musikalische Bewusstsein seiner Hörer. Zu Beginn etwas kopflastig, als es letzten Endes darum ging, den Charakter einer Musik in gleichem Maße wie die Struktur in den Blick zu nehmen. Im Brennpunkt dieser Sichtweisen sei erst interpretatorisches Verstehen möglich. Schon anschaulicher, als er Arten und Unarten der Musikwiedergabe ins Visier nahm. Am kurzweiligsten natürlich am dritten Abend, als es um das ging, was Jean Paul „Das umgekehrt Erhabene” nannte.

Brendel weiß natürlich, warum die Klaviermusik der Klassiker humorvoller ist als die der Romantik: Bis Beethoven gab es einen Formenkanon und strenge harmonische Regeln, gegen die namentlich Haydn und Beethoven lustvoll verstoßen konnten (merkwürdigerweise ist Mozart, der in seinen Opern bekanntlich entwaffnenden Humor zeigt, in der Instrumentalmusik mehr an Ausgewogenheit als an Überrumpelungseffekten gelegen). Die Romantik mit ihrem individualisierten Werkbegriff lässt da weit weniger Raum für subversive Gedanken. Es ist eine Ironie der Musikgeschichte, dass ausgerechnet Beethoven, dessen Humor geradezu stilbildend ist, die Individualisierung der Form am entschiedensten vorangetrieben hat.

Eine Version ohne Humor

Wie Brendel am Klavier das Opponieren Haydns und Beethovens gegen Hörgewohnheiten verdeutlichte, hatte Unterhaltungswert, vor allem wenn er noch eigene Versionen „ohne Humor” beisteuerte. Bei Beethoven ging er im Fall der G-Dur-Sonate op. 31,1 so weit zu sagen, sie sei nur unter dem humorigen Aspekt als gutes Stück zu vermitteln. Spannend auch, wie er das Spiel mit dem vergeblich erwarteten Orchestereinsatz nach der Solokadenz des 1. Klavierkonzerts erhellte.

Für die Konzerte der Mülheimer Reihe waren junge Pianisten gewonnen worden, die Brendel geprägt hat: Herbert Schuch, der für den erkrankten Paul Lewis einsprang, mit Ausschnitten aus seiner wunderbaren „Nachtstücke”-CD und mit Beethovens letzter Sonate op. 111 (im Finale mitunter nivellierend); Till Fellner, der drei frühe Beethoven-Sonaten (op. 10) der späten Hammerklaviersonate voranstellte – ein im wahren Sinne großer Klavierabend; dazu Tim Horton, der gemeinsam mit dem Cellisten und Pianistensohn Adrian Brendel intelligent Bach und Beethoven neben Ligeti und Birtwistle stellte, und der erst 17-jährige Kit Armstrong, dem viele eine große Zukunft prophezeien.

Hajo Berns

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