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Rockgeschichte

1990: Der wertkonservative Hippie - Neil Young

25.07.2011 | 11:46 Uhr
1990:  Der wertkonservative Hippie - Neil Young
konzert neil young arena oberhausen am 09.07.2008

Neil Young wird im November 66 und macht seit 48 Jahren Musik. Er hat um die 50 offizielle Alben veröffentlicht und mehrere Filme gedreht.

Dieser Text ist 185 Zeilen lang. Beschränken wir uns also auf die wichtigsten Fragen.

Was ist Neil Young für ein Typ?

Journalisten, die über ihn schreiben, benutzen Begriffe wie „Eigenbrötler“, „Grantler“, „knurriger Kanadier“ oder „genialer Kauz“. Als Kind war Young häufig krank: Diabetes, Epilepsie, eine Polioinfektion, die seine linke Körperhälfte beschädigt hat. Er selbst hat zwei behinderte Söhne, Zeke und Ben, sowie eine Tochter. Seit 1978 ist Neil Young mit Pegi Morton verheiratet, eine erste Ehe war 1970 geschieden worden.

Er lebt auf einer Ranch in Kalifornien. Dort hat er in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, einen 59er Lincoln Continental in ein Energiesparauto umzubauen. Seine Termine stellt er auf den Mond ab: Bei Vollmond geht’s ins Studio, „weil wir dann immer hervorragend gespielt haben“. Neil Young ist sehr kreativ, produziert eine Flut von Material. Insgesamt ein schwieriger, weil unangepasster Typ.

Wieso ist er ein Großer der Rock-Geschichte?

1990: Neue Hoch-Zeit

Die 80er Jahre waren schwierig für Neil Young. Er kümmerte sich um seine behinderten Jungs, seine Platten waren schwach. Mit „Ragged Glory“ machte er sich 1990 auf in ein besseres Jahrzehnt. Das Album wurde mit Crazy Horse eingespielt: Frank Sampedro (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Schlagzeug). Es bietet Hardrock mit ausgedehnten Gitarrenpassagen, hinter den Effekten findet man einfache, schöne Melodien. Anspieltipps: „F*!#ing‘ Up“, „Mansion on the Hill“.

Weil er große Musik macht. Weil seine E-Gitarren ebenso einzigartig klingen wie seine Stimme. Weil er einen Haufen Songs geschrieben hat, die man nie mehr vergisst: „Hey, Hey, My, My“ oder „Rockin‘ in the Free World“, „The Needle and the Damage Done“ oder „Angry World“, das 2010 den Grammy für den besten Rock-Song des Jahres bekam. Und natürlich „Heart of Gold“, Neil Youngs einziger Nr. 1-Hit. Der Erfolg war ihm unangenehm, auch das ist typisch. Der Mann rockt und rockt und rockt, ohne auf Glamour, Modetrends und Verkaufszahlen zu schielen. Er verkörpert ein Verständnis von Rockmusik, dem Protest und Rebellion innewohnen. Neil Young ist ein politischer Künstler, auch das macht ihn wichtig.


Welche Werte vertritt er?

Der 65-Jährige ist Achtundsechziger und (obwohl Kanadier) amerikanischer Patriot zugleich. Eine Kombination, die für Europäer schwer zu schlucken ist. Der Rolling Stone wählte ihn als „Der letzte Hippie“ in den Kreis der „100 Menschen, die Amerika verändern“. Als solcher kämpft Neil Young gegen Krieg, Unterdrückung und korrupte Politiker, für Gerechtigkeit und die Interessen der Schwachen.

Auf dem Album „Living with War“ z. B. übte er 2006 scharfe Kritik an George W. Bush und dem Irak-Krieg: „Lasst uns den Präsident absetzen, weil er gelogen und unser Land fälschlich in den Krieg geführt hat. Er hat die Macht missbraucht, die wir ihm anvertraut haben. Er hat all unser Geld zum Fenster rausgeschmissen…“

Aus dem Mund von Neil Young sind solche Zeilen besonders glaubwürdig, weil er auch „patriotische“ Texte geschrieben hat, in denen er die Werte des guten Amerika vertritt: Familie, Nachbarschaft, Redlichkeit. Neil Young, der Wertkonservative.

Er setzt sich für in Not geratene Farmer ein. Und er unterstützt Projekte zugunsten der Ureinwohner: In dem Song „Pocahontas“ (auf „Rust Never Sleeps“, 1979) fasst er die lange Leidensgeschichte der Indianer in dreieinhalb Minuten zusammen. Hörenswert.


Apropos „Hören“: Welche Musik macht Neil Young?

DAS JAHR25sssss.xml

1990 – das Jahr der Deutschen. Lothar de Maiziere wird erster und letzter demokratisch gewählter Ministerpräsident der DDR (12. April). Die beiden deutschen Regierungen vereinbaren die Bildung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, die zum 1. Juli in Kraft tritt.

Mitte Juli ringt Bundeskanzler Kohl dem sowjetischen Staatschef Gorbatschow die Zustimmung für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ab, inklusive NATO-Mitgliedschaft des wiedervereinten Deutschlands. Am 3. Oktober tritt die DDR dem „Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik“ bei.

Bei der Fußball-WM in Rom holt sich das von Franz Beckenbauer betreute DFB-Team am 8. Juli durch ein 1:0 im Finale gegen Argentinien den Cup (Tor: Brehme, 85.).

Der Grafiker Thomas Goletz erfindet die Diddl-Maus, mit der er in den kommenden Jahren jede Menge Mäuse machen wird (24. August). Und Musik-Produzent Frank Fahrian gesteht, sein Pop-Duo „Milli Vanilli“ habe nie selbst gesungen (15. November).

Bei den ersten Bundestagswahlen im vereinten Deutschland erhält die Union 43,8 %. Kohl bleibt Kanzler.

Es gibt kaum einen anderen, der so viele musikalische Haken geschlagen hat. Unterm Strich bleibt Neil Young ein musikalisches Doppelgesicht. Da ist einerseits der Romantiker mit Mundharmonika und Akustikgitarre, Slidegitarre und Banjo. Er steht zwischen Country und Folkrock und singt herzzerreißende Balladen. Das andere Gesicht zeigt den Gitarrenrocker, der seine „Old Black“, eine Gibson Les Paul 1953, mit selbst gebauten Effektgeräten verzerrt. Er spielt, meist begleitet von seiner Band Crazy Horse, harten Rock mit manchmal ohrenbetäubenden Feedback-Orgien.

Neil Young ist wandlungsfähig. Alle Jahre wieder erscheint ein neues Album, und über die Jahrzehnte waren auch schlechte dabei. Die Plattenfirma Geffen hat Young einmal verklagt, absichtlich ein unverkäuflich schlechtes Album abgeliefert zu haben.

Was heißt eigentlich „Godfather of Grunge“?

Godfather heißt Pate, und Grunge heißt Dreck. Grunge ist ein Musikstil, der Ende der 80er Jahre in Seattle aufkam und die Gitarren des Hard Rock mit der Ästhetik des Punk mischte. Rau und dreckig. Einige Grunge-Bands waren von Neil Youngs übersteuertem Gitarren-Sound beeinflusst. Auch Kurt Cobain war ein Fan des alten Herrn Young. Als sich der Nirvana-Frontmann am 5. April 1994 selbst tötete, hinterließ er im Abschiedsbrief ein Zitat von Neil Young: „It’s better to burn out than to fade away.“ Lieber bis zum Ende brennen, als langsam zu verblassen. Neil Young spielte ein Jahr später gemeinsam mit der Band Pearl Jam das Album „Mirrorball“ ein: ein großartiges Dokument seiner Grunge-Patenschaft.


Ist Neil Young Geschichte?

Nein, er rockt weiter. Das Album „Le Noise“ bescherte im vergangenen Jahr einen neuartigen Gitarrensound und herausragende Songs. Soeben ist „A Treasure“ erschienen mit Country-Rock-Aufnahmen aus dem Jahren 1984/85. Derzeit sorgt Neil Young in den USA mit seiner alten Band Buffalo Springfield für Furore. Und im nächsten Jahr soll der zweite Teil seiner Archiv-Serie erscheinen.


Noch was?

Ja, ein Zitat aus dem Rolling Stone, der Neil Young zum 65. Geburtstag gratulierte: „Es spricht viel dafür, dass er der erste Rockmusiker sein wird, der niemals stirbt.“

Die Charts des Jahres 1990:

Was viele nicht wissen: Hinter „Snap!“, die mit „The Power“ weltweit die Charts stürmen, steht das Frankfurter Produzentenduo Michael Münzing und Luca Anzilotti. </p><p>Matthias Reim steht mit „Verdammt ich lieb’ Dich“ 16 Wochen auf Platz 1. Bis heute das erfolgreichste deutschsprachige Lied der Chartgeschichte. (Quelle: media control)

1.Matthias Reim: Verdammt ich lieb’ Dich

2.Sinead OConnor: Nothing Compares 2 U

3. Phil Collins: Another Day In Paradise

4.Snap!: The Power

5.Snap!: Oops Up

6.DNA feat. Suzanne Vega: Tom’s Diner

7.Nick Kamen: I Promised Myself

8.UB40: Kingston Town

9.Guru Josh: Infinity

10.Depeche Mode: Enjoy The Silence

Rolf Langenhuisen

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Kommentare
25.07.2011
16:27
1990: Der wertkonservative Hippie - Neil Young
von lightmyfire | #1

Als Ergänzung ist die Band Croby, Stills, Nash and Young hervorzuheben.

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