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Rock-Geschichte

1989: Balsam für Schwermütige - The Cure

19.07.2011 | 14:35 Uhr
1989: Balsam für Schwermütige - The Cure
Robert Smith - Sänger von The Cure.

Würde man den Zustand einer Gesellschaft anhand der veröffentlichten Platten untersuchen und dabei auf „Disintegration“ von The Cure stoßen, müsste die Schlussfolgerung für England im Jahre 1989 ziemlich negativ ausfallen.

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, in denen eine Band solch schwermütige Songs schreibt, diese auf einem Album namens „Disintegration“ veröffentlicht, auf dem der mit Abstand fröhlichste Song „Lovesong“ heißt, auch ein solcher ist, aber klingt, als wäre die besungene Liebe der allerletzte Ausweg? Zumindest waren es Zeiten, in denen man innerhalb weniger Jahre drei Millionen solcher Platten verkaufen konnte.

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Nur wenige Jahre wirken durch ihre Ereignis-Dichte bis heute derart nach wie das Jahr 1989. Es ist die Zeitenwende, das Ende des Kalten Krieges ist vor allem in Deutschland spürbar, wo Ost und West sich Jahrzehnte feindlich gegenüberstanden. Am 9. November öffnet die DDR-Regierung die Berliner Mauer, zuvor waren Ostbürger bereits über Ungarn ausgereist, auch die Tschechoslowakei hatte ihre Grenzen geöffnet. Nach und nach fallen die kommunistischen Regime in Osteuropa in atemberaubender Geschwindigkeit. Die Sowjetunion zieht sich aus Afghanistan zurück und die verbleibende Supermacht USA wählt sich einen neuen Präsidenten: George Bush.

Und sonst? Im überschaubaren Rahmen begehen 150 Raver in Berlin die erste Love Parade. In Japan bringt Nintendo den Gameboy auf den Markt. In Deutschland wird er bald auch spät abends erhältlich sein. Die Lockerung des Ladenschlussgesetzes macht Einkäufe ab dem 5. Oktober, dem ersten „langen Donnerstag, bis 20.30 Uhr möglich.

Anfang Mai – der Erscheinungstag von „Disintegration“ war eigentlich perfekt, um die Frühjahrsgefühle der Leute mit eingängigen Pop-Songs und einem Hauch von Melancholie zu beflügeln. Zuletzt hatte das mit tollen Songs wie „Boys don’t cry“ oder „The Lovecats“ bestens funktioniert. Doch so leicht machten sich es The Cure nicht.

Dass ihr achtes, tieftrauriges und sperriges Studioalbum trotzdem zu ihrem bis heute meistverkauften Album avancierte, lag nicht etwa am Hit tauglichen dreieinhalb Minuten „Lovesong“, sondern an der dicht gestrickten Atmosphäre und der düsteren Stimmigkeit. Robert Smith und seine Band erinnerten mit diesem melancholischen Meisterwerk wieder an The Cure der frühen 80er Jahre, nur klangen sie viel aufgeräumter und nicht so verstörend wie 1982 „Pornography“.

Eine weitere Untersuchung, die man auf Grundlage von „Disintegration“ in Angriff nehmen könnte: Warum macht melancholische Musik im Endeffekt glücklich? Schließlich war das Album, das mit seinen Synthesizern und der Stimme Smiths vor Schwermut nur so triefte, Balsam für einsame Seelen. Und zwar nicht, um in Selbstmitleid zu versinken, sondern um Kraft zu sammeln. Wenn Smith zum glitzernden Sound des siebeneinhalb-minütigen „Pictures of you“ – bis heute einer der schönsten und emotionalsten The Cure-Songs – folgende Zeilen mit Inbrunst singt, möchte man ihn am liebsten in den Arm nehmen: „There was nothing in the world that I ever wanted more / Than to feel you deep in my heart / There was nothing in the world that I ever wanted more / Than to never feel the breaking apart my pictures of you.“

Wie nah am Aufnahmeprozess Robert Smiths inszeniertes, abschreckendes Wesen tatsächlich war, weiß wohl nur die Band selbst. Jedenfalls wirkte die Gothic-Gestalt Smiths, mit seinen toupierten Haaren, der bleichen Haut und dem roten Lippenstift nicht nur im „Lullaby“-Video etwas entrüstend, während sie halluzinierend im Bett liegt und auf das Dinner mit Spiderman wartet. Die verstörenden Bilder der „Disintegration“-Videos spiegeln in gewisser Art die Albumaufnahmen wider.

Zwischen Metal und Grunge

Ende der 80er Jahre gingen dem Metal Kraft und Kreativität aus, die große Grunge-Welle rollte langsam heran, hatte ihren Höhepunkt aber noch nicht erreicht. Zwei Fakten, die der weiter steigenden Popularität von The Cure möglicherweise in die Karten spielten. Wer sein Heil in der Musik suchte, fand ihn ausnahmsweise auch ohne harte Gitarren, auf „Disintegration“.

Um die tranceartige Atmosphäre der Aufnahmen zu erahnen, bietet eine Deluxe-Edition von „Disintegration“ auf zwei Bonus-CDs diverse Demo-Aufnahmen der Albumtracks an.

Im Sommer 1988 entstanden die ersten Aufnahmen im verlassen gelegenen Haus von Schlagzeuger Boris Williams. In Devon, im Südwesten Englands, hatten sich The Cure nach den großen Erfolgen mit ihrem letzten Album „Kiss Me“ in ihre eigene kleine Welt zurückgezogen. In Trance, um nicht zu sagen unter Drogen stehend, seien sie beim Schreiben der Songs gewesen, so dass sich Robert Smith heute wundert, wie sie damals überhaupt etwas zu Stande bekommen hatten.

Jedenfalls nahmen The Cure erste nebulöse Songs auf, die sie im September des gleichen Jahres am gleichen Ort erneut einspielten – weniger benebelt. Eine Zeit, in der sich die Wege von Schlagzeuger Laurence Tolhurst und dem Rest der Band trennten. Maßgeblich geprägt wurde „Disintegration“ vom manchmal exzentrischen Frontmann Robert Smith und seiner charismatischen Stimme. Die Band ließ ihn viele Entscheidungen treffen – das nicht erst, nachdem er während der finalen Aufnahmen in Thames Valley die handschriftlichen Texte (angeblich) aus seinem lichterloh brennenden Zimmer des Studioanwesens gerettet hatte. Fortan hätte Smith abgesondert in einem kleinen Zimmer auf den Dachboden unterkommen müssen. Zwangsisolation für den Frontmann also, der diese in ein geniales, schwermütiges Album ummünzte, das man bis heute eben- und bestenfalls alleine genießen kann.

Nicht nur The Cure waren von ihrem außergewöhnlichen Werk überzeugt, ihre Fans machten „Disintegration“ zum meistverkauften Album der Bandgeschichte. Es folgten mehr als 75 ausverkaufte Konzerte zwischen Mai und September, die ersten Stadion-Shows in den USA, drei aufeinanderfolgende Abende in der Wembley Arena und ein Auftritt bei den MTV Awards.

Die Plattenfirma hatte The Cure vorab gewarnt, ihre Popularität und ihren Erfolg mit einem solch sperrigen Album aufs Spiel zu setzen – glücklicherweise ohne auf Gehör bei der Band zu stoßen.

Die Charts des Jahres:

David Hasselhoff liefert den Soundtrack zum Mauerfall – könnte man meinen. In Wahrheit ist der Song im November längst aus den Charts gefallen. Zu der Zeit feiert Deutschland einen verspäteten Sommerhit: Lambada ist Tanz des Jahres. In England sind Kylie Minogue und Jason Donovan die Abräumer. Die Ex-Soap-Stars werden mit Hits vom Fließband versorgt. In den USA steht Janet Jackson erstmals in der Käufergunst vor Bruder Michael.

1.David Hasselhoff: Looking For Freedom

2.The Mysterious Art: Das Omen

3.Robin Beck: First Time

4.Roxette: The Look

5.Kaoma: Lambada

6.Madonna: Like A Prayer

7.Jive Bunny & The Mastermixers: Swing The Mood

8.Fine Young Cannibals: She Drives Me Crazy

9.Soulsister: The Way To Your Heart

10.Technotronic: Pump Up The Jam

Matthias Möde

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