Oper : Sie ist die Neue

Manche handeln Annette Dasch schon als Nachfolgerin von Anna Netrebko - jung, schön, sexy, mit einem Traum-Sopran und dabei ganz natürlich. Im Dortmunder Konzerthaus gehört sie zu den "jungen Wilden"
Dortmund. Kaum ist Annette Dasch bei einem größeren Label unter Vertrag, dann heißt es, man wolle sie als neue Netrebko aufbauen. Oder: Sony/BMG setzt die 31-jährige Berliner Sopranistin als Wunderwaffe gegen die Vormachtstellung der fünf Jahre älteren Russin ein, die seit einiger Zeit bei der Konkurrenz (der Deutschen Grammophon) die Kasse kräftig klingeln lässt.
Das Zeug dazu hat die Dasch sicherlich. Dazu muss man nur ihre frischere und beweglichere Stimme hören - oder sich von ihrer intelligenten wie unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Kunstlied vereinnahmen lassen. Wie jetzt zum Beispiel in Dortmund. Dort gehört sie seit 2006 zur Riege der "Jungen Wilden" und stellte in dieser Reihe im Konzerthaus jetzt ein brandneues Lied-Programm von Mendelssohn bis Tschaikowsky oder Haydn und Benjamin Britten vor. Mit Schwester Katrin am Klavier und dem jungen weißrussischen Bariton Nikolay Borchev, Jahrgang 1980, der mit 24 (!) schon zum Ensemble der bayerischen Staatsoper gehörte.
Legte man das Alterslimit weltweit tingelnder Teenie-Trupps zu Grunde: die Dasch und mit ihr viele andere nach normalen Maßstäben junge Künstler fielen gnadenlos durchs Raster. Aber im Klassikbereich ticken die Uhren anders, zum Glück. Wer mit 30 bei den Salzburger Festspielen Partien wie Haydns "Armida" singt, in diesem Jahr dort als Donna Anna in "Don Giovanni" auftritt oder mit anderen schillernden Mozartrollen wie Donna Elvira an Mailands Scala und demnächst als "Figaro"-Gräfin an der New Yorker "Met" einsteigt, ist im Klassikgewerbe fast noch ein Kinderstar.
Und die Nähe zum Nachwuchs hat sich eine wie Annette Dasch, scheint's, bewahrt. Kein Diven-Getue oder Gerede von Rollen, die Agenturen für die Karriere empfehlen. Bevor sie abends im Dortmunder Konzerthaus Kunstlieder vorstellt, besucht sie eine Schule in Lünen-Horstmar. In Jeans und Pulli wirkt sie kaum älter als die Teenager. Sie erzählt von Musik, dem Studium, für das sie als Berlinerin nach München ging, über ihr Verhältnis zur Musik, zum Gesang. Der Schulbesuch gehört zum Format "Junge Wilde" des Konzerthauses. Auch das "Meet and greet the artist", ein zwangloses Treffen zwischen Künstlern und Besuchern in der Konzerthaus-Kantine nach dem Auftritt. Dass viele Schüler aus Lünen zum Konzert kamen, freut die Künstler.
Kurze Fragen. Die Dasch, jetzt wieder in Jeans und Pulli, legt los. Dachdeckerin habe sie einmal werden wollen. Und Disziplin, ja, die lernt man bei den Pfadfindern. Auch ihre Vorliebe für Musik des Barock ist schnell erklärt. Vor allem in den Liedern, da steht man mit beiden Füßen auf der Erde. Im Barock geht es um Leben und Tod, Krankheit, Macht und Eifersucht. Die Mondnächte und das Blätterrauschen der Romantik hingegen: Das ist alles wunderschön. Aber das sind Luxusprobleme, sagt die junge Frau, die eben noch in Schumann und Mendelssohn schwelgte. Aber auch das braucht man. Punkt.
Annette Dasch redet entwaffnend Klartext. Sympatisch jedenfalls, wie sie die Nähe zum Publikum sucht, nicht nur erträgt. Sonst wäre ihre Erfindung "Annettes Dasch Salon" gar nicht möglich. Angeregt durch die alte Berliner Tradition der literarischen Salons, zum Beispiel einer Rahel Varnhagen, lädt die Dasch nun im Berliner "Radialsystem" beim Ostbahnhof zum musikalischen Salon. Singen erwünscht. Da kann es passieren, dass ein Besucher schon mal nach einem Gast wie Roman Trekel die Stimme erhebt. Hausmusik eben, à la Dasch.













