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Musical „Ganz oder gar nicht“ - Dortmund zieht blank

23.10.2011 | 16:41 Uhr
Musical „Ganz  oder gar nicht“ -  Dortmund zieht blank
„Ganz oder gar nicht - The full monty“ im Opernhaus in Dortmund. Foto: Thomas M. Jauk

Dortmund.   Schafft es Dortmunds Opernhaus aus dem Publikums-Tief nach dem Vorbild dieser Truppe? Das Musical „Ganz oder gar nicht“ wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Es erzählt nach dem bekannten englischen Film von Arbeitslosen, die sich selbst zu Strippern umschulen.

Kann man der Arbeitslosigkeit auch gesanglich Ausdruck verleihen? Man kann, in Dortmund etwa. Da singt ein drahtiger kleiner Kerl auf der Bühne davon, wie es so ist im Leben ohne Job, wenn man sich daheim auf dem Sofa wälzt und zum zehnten Mal den gleichen Porno reinzieht. Und ein Hüne von Mann intoniert seinen Hausmann-Tagesablauf zwischen Kühlschrank abtauen und Wohnzimmer saugen, während die Gattin Geld verdienen geht. Klingt furchtbar, tatsächlich aber ist es auch hochkomisch, wenn seelisch verwundete Männer den Leidensgenossen ihr Innerstes öffnen, um am Ende nackt und bloß dazustehen.

Womit wir beim Thema des Musicals „Ganz oder gar nicht“ wären, das Gil Mehmert jetzt für das Opernhaus eingerichtet hat. Kinogänger erinnern sich an den Ende der Neunziger enorm erfolgreichen Film, der von Arbeitslosen in der Stahlregion um Sheffield handelt. Die sind derart klamm, dass sechs von ihnen ohne jede Vorkenntnis eine Strip-Gruppe gründen, um Profis wie die Chippendales auf zu schlagen. Denn sie versprechen tatsächlich am Ende den ganzen Mann in seiner natürlichen Schönheit. Das klingt verrückt, ist aber für dieses halbe Dutzend wohl ein Prüfstein, um sich der eigenen Existenz zu vergewissern.

In Dortmund hat man gar nicht erst den Fehler begangen, Opernpersonal mit ins Musical-Ensemble zu integrieren. Hier sind nur Profis der Entertainment-Gattung engagiert, die darstellerisch die schwierige Gratwanderung zwischen Drama und Comedy meistern und stimmlich bei jedem Blues und jeder aufgekratzten Shownummer überzeugen. Mehmert hat das ursprünglich in England spielende Stück, das dann von David Yazbek (Songs) und dem Dramatiker Terrence McNally (Buch) in die USA verlegt wurde, nun sanft auf deutschem Boden landen lassen. Schließlich ist das Thema universal, können Betroffene auch im Ruhrgebiet Worte wie „Strukturwandel“ nicht mehr hören, weil ihre Arbeitslosigkeit eine Auswirkung davon ist.

Warmherzig und anrührend

Vielleicht ist es die Wahrhaftigkeit der Arbeiterfiguren, vielleicht auch die Nähe des Themas, das dieses Musical so warmherzig und anrührend wirken lässt. Da funktioniert selbst schwarzer Humor wie liebevolle Lebenshilfe, wenn man sich gegenseitig Tipps für den besten Selbstmord gibt. Ein hochklassiges Ensemble findet hier viele scharf umrissene, dankbare Rollen. Wobei drei sich besonders profilieren. Patrick Stanke als Dave und Dirk Weiler als Harald sind geradezu umwerfend, wenn sie nachts an ihren jeweiligen Ehebetten stehen und mit Käsekuchen in der Hand vor schlafender Gattin ihrer Verlorenheit gesanglich Ausdruck verleihen. Und David Jakobs als Jerry ist der quirlige Macher, der mit seinem Aktionismus sowohl Geldnot als auch Scheidung verdrängen will.

Es stimmt einfach alles

Dass die achtköpfige Band in einem engen Graben sitzen muss, der an ein überfülltes Schwimmbecken erinnert, merkt man der Musik nicht an. Es stimmt alles an dieser geschmeidigen Inszenierung, auch das industriebetonte Bühnenbild (Heike Meixner), in das bei Bedarf Herrenklo oder Schlafzimmer auf Schienen eingefahren werden können. Stehende Ovationen bei der Premiere nähren die Hoffnung auf einen Kassenschlager für das Dortmunder Haus.

5., 6., 11., 17., 19., 27. November; 4., 17. Dezember. Karten (16,50 bis 44,95 Euro): 0231 / 50 27 222.

Arnold Hohmann

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