Museumsfachmann über Ausgrabungsstätten im Nahen Osten

Die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien ist Unesco-Welterbestätte. "Die Kampfhandlungen dort sind klare Verstöße gegen die Haager Konvention zum Schutz des Kulturguts in Kriegen", sagt Thomas Schuler.
Die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien ist Unesco-Welterbestätte. "Die Kampfhandlungen dort sind klare Verstöße gegen die Haager Konvention zum Schutz des Kulturguts in Kriegen", sagt Thomas Schuler.
Foto: Thomas Müller
Was wir bereits wissen
Im Nahen und Mittleren Osten stand einst die Wiege der Zivilisation. Doch die anhaltenden Kriege gefährden die oft jahrtausendealten archäologischen Zeugnisse.

Chemnitz (dpa) - Viele archäologische Ausgrabungsstätten in den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostes sind nach Ansicht von Experten unwiderruflich zerstört. "Diese Schäden sind nicht in Dollar oder Euro aufzuwiegen", sagte der Chemnitzer Museumsfachmann Thomas Schuler, der in einer Taskforce des Internationalem Museumsrates mitarbeitet, der Deutsche Presse-Agentur. Viele Museen hätten hingegen die Kampfhandlungen bisher recht gut überstanden.

Frage: In welchem Zustand sind die historischen Stätten und Ausgrabungsorte?

Thomas Schuler: In beiden Fällen ist die Lage katastrophal. Selbst Unesco-Welterbestätten wie die Zitadelle von Aleppo oder Palmyra oder Kreuzritterburgen wie die Krak des Chevaliers an der Grenze zum Libanon sind von den Kämpfen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Kampfhandlungen dort sind klare Verstöße gegen die Haager Konvention zum Schutz des Kulturguts in Kriegen, die auch Syrien unterzeichnet hat.

[kein Linktext vorhanden] Sehr schlimm sieht es aber an Orten archäologischer Ausgrabungen aus. Raubgräber haben dort wahre Kraterlandschaften mit bis zu 3 Meter tiefen Gruben hinterlassen. Das ist auf Luftaufnahmen gut zu sehen. Schlimm dabei ist nicht nur der Verlust von Fundstücken. Auch die Grabungsstelle wird praktisch zerstört. Das ist dann kein unberührtes Gelände mehr. Irgendwann werden Archäologen dort hoffentlich wieder gefahrlos arbeiten können und werden finden, was den Plünderern entgangen ist. Den Wissenschaftlern ist aber auch wichtig, wo, in welchem Zusammenhang, etwa in welcher Erdschicht, sich diese ursprünglich befunden haben. Das wird sich nicht mehr rekonstruieren lassen. Diese Schäden sind nicht in Dollar oder Euro aufzuwiegen.

Haben Sie Erkenntnisse, ob diese Plünderungen vom Islamischen Staat systematisch durchgeführt werden?

Schuler: Die Raubgrabungen sind keine Spezialität des Islamischen Staates, auch Syrien und Ägypten sind davon stark betroffen. Allerdings scheinen diese auf von syrischen Kräften kontrolliertem Gebiet eher die Folge der allgemeinen Anarchie zu sein. Die Täter arbeiten offensichtlich in die eigene Tasche, um zu überleben. Wo aber der Islamische Staat das Sagen hat, gibt es Anzeichen, dass die Grabungsstätten systematisch ausgebeutet werden. In beiden Fällen gelangen die Artefakte über Zwischenhändler an der türkischen Grenze als undokumentierte Antiken in den internationalen Kunsthandel und unter anderem in die europäischen Aukionshäuser. Deutschland bessert seine bisher sehr laxe Gesetzgebung zum Antiquitätenhandel derzeit auf Druck der UN endlich nach.

Woher bezieht die Task Force des Internationalen Museumsbundes ihre Informationen?

Schuler: Bei Krisen dieser Art versuchen wir über unsere Mitglieder und andere Kontakte in die betreffenden Länder Informanten zu gewinnen und eventuell Hilfe zu organisieren. Über die Situation in Syrien und dem Nordirak etwa sind wir ganz gut informiert.

Wie steht es um die Altertümer in den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens?

Terrormiliz Schuler: Da muss zwischen den Museen und den archäologischen Ausgrabungsstätten in den verschiedenen Regionen unterschieden werden. Die rund 30 Museen in Syrien haben die kriegerischen Auseinandersetzungen bisher mit wenigen Ausnahmen unbeschadet überstanden - unabhängig davon, ob sie in von der Regierung oder der nationalen Opposition kontrolliertem Gebiet liegen. Die Ausstellungsobjekte wurden meist schon vor mehr als zwei Jahren in Sicherheit gebracht. Da hat die syrische Altertümerverwaltung mit ihren Mitarbeitern oft unter Gefahr vorbildlich gearbeitet.

Betrifft das auch das Gebiet des Islamischen Staates?

Schuler: In Ostsyrien sind drei oder vier Museen unter dessen Kontrolle, von denen wir nur wenig wissen. Ein Sonderfall ist Mossul, die größte Stadt des Nordirak, wo es ein bedeutendes Provinzmuseum gibt, was unseren Informationen zufolge nicht geplündert wurde. Es sieht so aus, als ob sich der Islamische Staat mehr auf die symbolträchtige Zerstörung von Moscheen oder Mausoleen beschränkt, die seiner Meinung nach dem Aberglauben dienen. Dem Kulturerbe aus präislamischer Zeit begegnet man mit Desinteresse, weiß aber seinen hohen Marktwert zu schätzen.