Mütter, Töchter und andere Beziehungskrisen
09.07.2008 | 09:14 Uhr 2008-07-09T09:14:00+0200Essen. Heikle Botschaft im heiteren Kleid: Ingrid Nolls "Kuckuckskind" ist anders als die anderen. Über Mütter und Töchter, Väter und Söhne und andere Beziehungskrisen.
Ja, man könnte dem neuen Roman von Ingrid Noll sehr wohl vorwerfen, dass man den Plot, die Schlusspointe schon gleich im ersten Kapitel zu ahnen beginnt. Aber damit hätte man den falschen Maßstab angelegt: "Kuckuckskind" ist weiter als alle anderen von einem Krimi entfernt, es gibt zwar zwei Leichen, aber gar keinen richtigen Mord, es sei denn, man zählt den Freitod dazu, der ja keiner sein kann, weil zu einem Mord bekanntlich niedere Motive gehören.
Seit ihrem späten, aber dafür umso stürmischerem Debüt "Der Hahn ist tot" 1991 hat Ingrid Noll so ziemlich jeden noch so dunklen Winkel in unseren Seelen ausgeleuchtet, in dem Menschen um die Ecke gebracht werden. Sie hat von der "Apothekerin" bis zu "Ladylike" immer wieder Sprichwörter aufs Blutigste durchbuchstabiert, sie hat sich getraut, all jene Verwünschungen und heimlichen Mordgelüste in die Tat umzusetzen, die beinahe niemandem fremd sein dürften und von denen beinahe jeder sagen würde, man habe sie höchstens angedacht.
In flagranti erwischt und mit Tee überbrüht
Wer weiß, vielleicht hat Ingrid Noll ja befürchtet, mit dieser Manier im Laufe der Zeit zu einer Gefahr für die demographische Entwicklung im Lande zu werden. Jedenfalls widmet sie sich mit ihrem neuen Roman mehr dem Kinderkriegen als dem Gegenteil. Die dazu erforderlichen körperlichen Anstrengungen unternimmt die Heldin Anja, eine Lehrerin Ende dreißig, jetzt mit einem Geliebten - nachdem sie ihren Exmann Gernot und dessen Geliebte in flagranti nicht nur erwischt, sondern auch mit Tee überbrüht hat.
Aber wer war Gernots Geliebte? Birgit etwa, die Kollegin, mit der Anja befreundet ist? Die Fragen werden noch drängender, als eben jene Birgit plötzlich schwanger ist. So kommt es in diesem Panoptikum von nervenraubenden Müttern, kandidelten Opernsängerinnen, kochenden Chemikern und megacoolen Gymnasiasten zu einem Durcheinander wie es sonst höchstens im wirklichen Leben anzutreffen ist.
Aber nicht die Story macht diesen Roman aus, es sind vielmehr die extrafeinen Beobachtungen und Einsichten über Mütter und Töchter, Väter und Söhne und andere Beziehungskrisen. Und Großmutter-Sätze wie "Enkel sind die Belohnung dafür, dass man die eigenen Kinder in der Pubertät nicht erwürgt hat".
Ja, man könnte auch bemängeln, dass derlei feine Ironien ("Eigentlich fehlte nur noch ein klebriger Fliegenfänger an der Decke, und die ländliche Idylle wäre perfekt" ist eine andere) ein bisschen dünn gesät sind in diesem Buch. Aber dafür kommt hier eine heikle Botschaft im heiteren Kleid daher: Nach diesem Roman wird jedenfalls niemand mehr einen Vaterschaftstest vornehmen lasen und dann überrascht sein, dass so etwas böse, ja tödliche Folgen haben kann. (NRZ)
Ingrid Noll: Kuckuckskind. Roman. Diogenes. 339 S., 19,90 €.
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