Mönche haben die Todsünden erfunden - Ausstellung in Dalheim

Die Sonderausstellung „Die 7 Todsünden“ im Klostermuseum Dalheim zeigt 300 Exponate aus 15 Jahrhunderten.
Die Sonderausstellung „Die 7 Todsünden“ im Klostermuseum Dalheim zeigt 300 Exponate aus 15 Jahrhunderten.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Eine Ausstellung im Klostermuseum Dalheim zeigt die Geschichte von Hochmut, Habsucht & Co. Mit Hitlers Globus, Dagobert Duck und einem Wettessen-Pokal

Lichtenau.. Wie kriegt man Hitlers durchlöcherten Globus, ein XXL-Kondom von 1813 und Dagobert Duck in eine Ausstellung? Indem man eine über die sieben Todsünden macht. Eine solche soll nun in aller Unschuld die Besucher in hellen Scharen ins Klostermuseum Dalheim locken. Einst zogen sich in dieses idyllisch abgeschiedene Irgendwo zwischen Paderborn, Bad Wünnenberg und Warburg die Augustiner zurück, um in aller Stille zu beten und zu arbeiten. 1803, als Napoleon durch Europa fegte, wurde daraus ein mächtiger Gutshof, und seit einigen Jahren ist hier in aufwendigem Umbau das Museum für Klosterkultur entstanden, das mit seiner großen Gartenanlage ein Ziel für beschauliche Ausflüge nicht weit von der A 44 abgibt.

Acht "böse Gedanken"

Hier ist nun zu erfahren, dass die Weltgeschichte ausgerechnet den Mönchen die Todsünden verdankt. Schriftlich festgehalten hat sie als erster nämlich der Einsiedler Eva­grius Ponticus (345-399). Nach einem ausschweifenden Leben hatte er sich als Mönch in die ägyptische Wüste zurückgezogen. Dort traten ihm durch Halluzinationen alle erdenklichen Sünden vor Augen, und seinen Mit-Eremiten ging es nicht besser: Was an Wein, Weib und Gesang in der Wüste fehlte, feierte umso fröhlichere Urständ in den Köpfen und hielt die Mönche von Askese und Beten ab. Eva­grius notierte acht „böse Gedanken“:

Neben der Melancholie, die den späteren Jahrhunderten dann weniger sündhaft vorkam, waren das: Gefräßigkeit, Unkeuschheit, Geldgier, Zorn, Trägheit, Eitelkeit und Hochmut. Daraus entstand ein Ratgeber für Mönchskollegen, mit Tipps zum Widerstand gegen derlei Versuchungen. Bis aus der klösterlichen Enthaltsamkeitsfibel ein kirchliches Dogma werden sollte, dauerte es noch einige Jahrhunderte: Um 1300 führte die Kirche neben dem Todsündenkatalog die Beichtpflicht ein. Das half beim Herrschen und Geldeinsammeln.

Dalheimer Sünden-Bock

Davon zeugt in der Ausstellung ein Beichtstuhl, an dem die Fangfragen zu hören sind, mit denen Priester aus Gläubigen Sünder machten.Von da führt der Weg zur Ablasstruhe aus Wittenberg – Luther prangerte ja die lukrative Verwendung der Todsünden zum Ablasshandel an.

Ausstellung Seither definiert jede Zeit, jede Gesellschaft aufs Neue, was Sünde ist. Ein Film wie die legendäre „Sünderin“ mit Hildegard Knef, der 30 Staatsanwaltschaften (wegen der nackten Brust und der Verherrlichung des Freitods) auf den Plan rief, gälte heute als harmlos.

Schon der sinnenfrohe Barock sprengte mit überladenen Banketten und Rubens-Schinken manche Grenze, die zuvor noch galt. Der schrillste Fall von Sündenfreude dürfte ein gläserner Phallus aus dieser Zeit sein, der sich in einem Frauenstift in Herford fand. Trinkgefäß oder Sexspielzeug? Das hat die Wissenschaft noch nicht dingfest machen können.

Spiegel der Gegenwart

Im Fortgang der Jahrhunderte sollte sich die Doppelmoral noch steigern. Unterm Deckmantel viktorianischer Keuschheit und Zugeknöpftheit lauerten – etwa in Tabaksdosen – pornografische Darstellungen. Der lateinischen (!) Gebrauchsanweisung für das besagte Riesenkondom aus Schweden, das wohl einem protestantischen Geistlichen gehörte, ist übrigens zu entnehmen, dass es für außereheliche Vergnügungen bestimmt war.

Am Ende wird die Ausstellung zum Spiegel der Gegenwart und fragt nach den Sünden von heute – der Zorn der Wutbürger etwa, die Völlerei beim Currywurst-Wettessen (der Siegerpokal dazu ist eine Leihgabe von Robis Bistro in Wernigerode), der Neid (um den zu verhindern bekommen Geschwister mitunter die gleichen Schuhe) oder die Wollust in Zeiten von Viagra. Wie viel Hochmut liegt in Guttenbergs Doktorarbeit, wie viel in den Feiern nach dem Sieg der Nationalelf in Rio?

Spätestens wenn es um die Gefräßigkeit in XXL-Portionen und Schlankheitswahn mit Magenband (zur Verkleinerung des Organs) geht, ist klar: Sündigen ist eine Frage des Maßes. Das dürfte auch für das Bier zur Ausstellung gelten – obacht: das hier gebraute „Dalheimer Sünden-Bock“ hat (natürlich) 7 Prozent Alkohol!