Mit „Elser“ junge Menschen zu politischem Denken erziehen

Georg Elser (Christian Friedel) bereitet das Hitler-Attentat vor.
Georg Elser (Christian Friedel) bereitet das Hitler-Attentat vor.
Foto: NFP
Was wir bereits wissen
Ein Interview mit Schauspieler und Musiker Christian Friedel („Das weiße Band“), der den Hitler-Attentäter und Widerstandskämpfer Georg Elser spielt.

Essen.. Der 8. November 1939 hätte die Weltgeschichte verändern können. An diesem Abend ging im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe hoch. Gezündet vom Tischler Johann Georg Elser, der zu dem Schluss gekommen war, dass „Hitler nicht gut für Deutschland ist“. Hitler aber hatte den Tatort an diesem Abend 13 Minuten früher verlassen, als geplant.

Das Attentat schlug fehl, acht Unschuldige starben. Elser wurde verhaftet, gefoltert und kurz vor Kriegsende erschossen. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat „Elser“ (Start: 9.4.) mit Christian Friedel („Das weiße Band“) in der Hauptrolle verfilmt. Bei der Vorpremiere im Essener Eulenspiegel sprach der 36-Jährige mit Martina Schürmann über die Bedeutung von Elser auch in Zeiten von Pegida.

Herr Friedel, Georg Elser galt noch Jahre nach dem Attentat als Vaterlandsverräter und spielte im Gegensatz zu Widerstandskämpfern wie Stauffenberg in der deutschen Nachkriegsgeschichte so gut wie keine Rolle. Was hat Sie an diesem unbekannten schwäbischen Handwerker fasziniert?

Christian Friedel: Ich muss gestehen, dass ich Elser vor dem Film auch nicht kannte. Das Schöne ist ja, dass der Elser gar kein Held sein wollte, aber trotzdem so eine heldische Tat vollbracht hat. Er war ein Mann aus dem Volk, der der Hitler-Euphorie und der Nazi-Propaganda einfach gründlich misstraut hat. Er hat ungeheuren Mut bewiesen, in einer Zeit, als es wirklich schwer war, Widerstand zu leisten. Davor ziehe ich den Hut.

Regisseur Oliver Hirschbiegel hat Elser mit Edward Snowden verglichen. Was verbindet die beiden?

Rastenburg. Friedel: Beiden war bewusst, dass durch den Widerstand ihr bisheriges Leben zu Ende sein würde. Trotzdem haben sie sich entschlossen, ein Unrecht öffentlich zu machen. Bei Elser war das Attentat die einzige Lösung, es war ein Akt der Notwehr, deshalb ist er für mich kein Terrorist, sondern ein Widerstandskämpfer.

Elser ist von der Gestapo verhört und brutal gefoltert werden. Nach fünf Jahren Gefangenschaft wurde er kurz vor Kriegsende noch im KZ Dachau erschossen. Der Film spart nichts aus, wie bereitet man sich darauf vor?

Friedel: Oliver Hirschbiegel hat mir Jean Amérys Essay „Die Tortur“ zu lesen gegeben, in dem er seine Folter unter der SS beschreibt, das hat mir zumindest ein Bild vermittelt von dem seelischen Schmerz. Man kann die Qualen nicht nachfühlen, aber es war trotzdem eine harte körperliche und seelische Herausforderung. Doch genau das will man ja als Schauspieler: an Grenzen gehen.

Warum muss die Geschichte von „Elser“ noch einmal groß im Kino erzählt werden?

Friedel: Es ist ganz wichtig, der jungen Generation begreifbar zu machen, dass solche rechtspopulistischen Machtmenschen nie mehr ans Ruder kommen dürfen. Die Leute sollen sich auch selber angesprochen fühlen: Bin ich ein politischer Mensch? Bin ich bequem? Habe ich eine Haltung? Wir zeigen „Elser“ auch in Schulvorstellungen. Da stelle ich fest: Die Jugendlichen können gut an diesen Außenseiter andocken.

Angesichts der politischen Lage scheint es an der Zeit, über Themen wie politische Bildung und Zivilcourage stärker nachzudenken.

Friedel: Ich hab da zuletzt manchmal Parallelen gespürt. So wie ich als Elser im Kino stehe und die Leute um mich herum plötzlich nicht mehr verstehe, so ergeht es mir bei den Pegida-Demos in Dresden. Es ist für mich als Ostdeutscher zwar nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Leute auf die Straße gehen. Denn so wichtig die Wende auch war, so wurde ihnen doch einiges übergespülpt und aberkannt. Aber wie sie sich nun diesen von rechts infiltrierten und instrumentalisierten Aufmärschen anschließen, wie sie in Kauf nehmen, dass Sätze wie „Wir sind das Volk“ missbraucht werden, das finde ich unheimlich.

Verstehen Sie sich selber als politischer Mensch?

Friedel: Früher habe ich gesagt: ,Meine Eltern haben mich nicht politisch erzogen.’ Aber sie haben mir Werte mitgegeben, Mitmenschlichkeit, Be­scheidenheit. Wie ich mit Menschen umgehe, ist eine Form von Politik. Dass muss den Menschen klarer werden: Politik ist nichts Abstraktes, das andere für uns tun, sondern etwas, das bei uns anfängt. Das könnte auch dazu führen, dass man doch mal zur Wahl geht.

  • Christian Friedel ist Theaterschauspieler, Musiker und Kinodarsteller. 2009 wurde er als Lehrer in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ bekannt. Zuletzt spielte er Heinrich von Kleist in „Amour fou“. Mit seiner Band „Woods of Birnam“ hat er den Titelsong des Til-Schweiger-Films „Honig im Kopf“ eingespielt.