Mit den Malern an der Seine entlang

Köln..  Es ist eine übersichtliche Ausstellung von gut 40 Gemälden im Wallraf-Richartz-Museum, allesamt hauseigene Leinwände. Und doch kann man sich den abwechslungsreich gehängten Saal getrost für einen verregneten Sommertag vormerken – die Bilder werden ihn retten: Lauter heiter durchsonnte, idyllische Landschaften, ein einziger Traum aus flirrenden Farben und hingetupften Blüten. Manchmal meint man gar, das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blätter zu hören. Und immer wieder im Bild, als Spiegel der Wolken, als Tummelplatz der Segler, Schiffer, Ruderer: die Seine. Der 777 Kilometer lange Fluss von den Quellen in Langres (die der Stadt Paris gehören) bis zur Mündung in Le Havre ist der Star dieser Ausstellung.

Seit den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts strömten die Menschen heraus aus Paris, Vororte konkurrierten um Touristen aus der Großstadt, Reiseführer beschrieben erstmals die Schönheiten der Umgebung von Paris. Auch die Maler zog es aus ihren Ateliers aufs Land, wo man – im Vergleich zum immer schon sündhaft teuren Paris – für kleines Geld leben konnte. Die Staffeleien bekamen Räder und die Maler standen mit klobigen Holz-Klompen in den feuchten Wiesen, weil es ihnen dort schon um den Eindruck des Augenblicks ging, als „Impressionisten“ noch ein Schimpfwort war. Und einmal mehr möchte man dem Menschen danken, der als Erster auf die Idee kam, Künstlerfarben fertig anzumischen und in Tuben zu pressen.

Schiffchen in Himmelblau

Die Malerei unter freiem Himmel machte allmählich Schule, nicht nur im legendären Barbizon, das ja, südlich von Paris, auch nur ein paar Steinwürfe von der Seine entfernt liegt. Hier war das Wasser im Fluss noch so klar und rein, dass Alfred Sisley seinen Blick auf Samois aus vielen weißen Strichen bestehen lassen konnte, mit violett und limetttengrün und sonnengelb hingetupften Spiegelungen, da kann ein Schiffchen ruhig in Himmelblau dahertuckern.

Besonders aber strömten die Maler ins zehn Kilometer westlich von Paris gelegene Chatou – so massenhaft, dass sich für das dortige Eiland in der Seine bald der Name „Insel der Impressionisten“ einbürgerte. Monets „Seine bei Asnières“ mit den klobigen Kai-Anlagen im Vorder- und einer pittoresk-mediterranen Häuserzeile im Hintergrund. Das Chamäleon unter den Impressionisten, der variantenreich malende Gustave Caillebotte kombinierte das Seine-Ufer gern mit kleinen Kähnen. Sein schönstes Bild dieser Ausstellung zeigt einen Segler bei Argenteuil, das sich zum Paradies für diese neue, aus England herübergeschwappte Sportart entwickelt hatte. Es ist eines der seltenen Impressionisten-Bilder, die von Dynamik erfüllt sind, die geblähten, verdrehten Segel lassen den Wind regelrecht spüren, der hier mehr im Mittelpunkt steht als Kahn und Skipper.

Weiter flussabwärts gibt es noch, blau in blau, eine „Brücke von Chatou“ des Expressionisten de Vlaminck zu sehen, späte Giverny- Seerosen von Monet, eine Kuhweide von Bonnard und ein flussloses Seine-Ufer bei Rueil von Renoir, das die ganze Milde eines warmen Sommertages atmet.

Bleibt noch der Blick auf Paris, dem die meisten Bilder gewidmet sind: Notre Dame steht in Maximilian Luces lila Abendflimmern da, während Jean-François Raffaëlli die licht-filigrane Sandsteingotik zur Geltung bringt, die über der klobigen Brücke „de l’Archevêché“ thront. Und wenn Paul Gauguin, noch Impressionist, 1875 Fabriken beim Pont de Grenelle malt, gerät auch ins Bild, dass die Seine alles andere als ein sauberer Fluss war. Erst in dieser Zeit hatte man begonnen, die Abwässer nicht mehr direkt in der Stadt in den Fluss zu leiten, sondern erst etliche Kilometer dahinter. Bis Kläranlagen das Idyll eines träge dahinmäandernden, murmelnden Stroms wiederherstellten, sollte es noch Jahrzehnte dauern.