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Literatur

Merkel – der Comic

29.06.2009 | 08:59 Uhr
Merkel – der Comic

Essen. Noch nie gab es die Biografie eines deutschen Regierungschefs als „Bilderbuch”. Nächste Woche erscheint „Miss Tschörmänie” und zeigt die Kanzlerin in einem Comic. Das Projekt macht richtig Spaß, ist aber durchaus ernst gemeint.

Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, dann liegt das vielsagendste Buch über Angela Merkel vor, das es je gab. Und doch ist es kein ausgeleuchteter Hochglanz-Band, keine Fotostrecke. Dies ist: Merkel – die Biografie. Dies ist: Merkel – der Comic.

Sakurai, Hollstein. Miss Tschörmänie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde. Eichborn

Eine Kanzlerinnenbiografie als Comic? Das möchte mancher als Gipfel der Respektlosigkeit sehen, wenn nicht als Untergang des Abendlandes. Er sollte aber doch vorher einen Blick wagen, in das, was der Karikaturist Heiko Sakurai mit der Journalistin Miriam Hollstein schuf. Und er wird sich festlesen. Und er wird sagen: „Ach so war das.” Und er wird widerrufen, dass ein biografischer Merkel-Comic die Disneyisierung der Chronistenpflicht bedeutet.

Im Gegenteil: Sakurais Bilder geben die Antwort auf eine Frage, die nicht wenige sich gestellt haben. Eine Frau, aus dem Osten, Außenseiterin. Und dann: Kanzler! Zwecks clever angelegter Rahmenhandlung legt Sakurai Merkels größten Gegnern und Opfern eben dieses Staunen in den Mund: Da hocken sie am Tag der Bundestagswahl 2009 in einer Bar in Berlin-Mitte. Edmund Stoiber und Gerhard Schröder. Stoiber fragt: „Wie konnte das passieren?” Und Schröder nuckelt an der Cohiba und brummt: „Tja”.

Die junge Angela als Bar-Chefin

Sakurai, Hollstein. Miss Tschörmänie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde. Eichborn

Merkel als Comic. Das ist höchst spaßhaft, aber kein Ulk. Hollstein und Sakurai haben präzise recherchiert. Wenn da in Bildern der Weg der Uckermarker Pfarrerstochter von der Wiege bis zur mächtigsten Frau der Republik nachgezeichnet wird, dann ist das nicht klamottig, sondern: wahr. Die Rückkehr ihrer Eltern Richtung DDR, ihr Sieg bei der Russisch-Olympiade. Die junge Angela als Bar-Chefin des Leipziger Studentenclubs und als Gegenteil einer Sportskanone, wie die DDR sie doch so liebte. Und Angie, wie ihr Manfred Stolpe in den wilden Siebzigern mal aus der Patsche half.

„Es ging nicht darum, Angela Merkel mutwillig in die Pfanne zu hauen. Unser Ziel war wirklich eine Biografie, aber natürlich mit unseren Mitteln”, sagt Sakurai (38), dessen Karikaturen viele deutsche Zeitungen drucken, aber auch Londons Guardian und die New York Times. Ein wenig satirisch gefärbte dichterische Freiheit, räumt er ein, walte natürlich auch. Nicht zu knapp, gewohnt pointenreich.

Durch Nicht-Saufen zum Wahlkreis

Etwa in der legendären Elefantenrunde, in der Schröder Merkel das Kanzleramt absprach. Da zeigt der Comic Merkels stoisches Gesicht, aber nicht nur das. „Jetzt bloß nicht heulen”, lassen die Biografen Merkel denken. Sakurai und Hollstein thematisieren auch die permanente Unterschätzung, die zusammenfiel mit der taktischen Raffinesse, mit der „Kohls Mädchen” manchen Mann hinter sich ließ. „Das Naivchen!” denkt Stoiber „Graue Duckmaus”, so Koch. Und Schröder ist geradezu fassungslos: „Durch Nicht-Saufen zum Wahlkreis – das ist mal neu!” Diese Biografie lässt uns in Seelen blicken, frech, präzise und aktuell bis in die Debatte um die Pius-Bruderschaft.

Augen, halbgeschlossen

Sakurai, Hollstein. Miss Tschörmänie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde. Eichborn

Der Merkel-Comic. Ist das nicht auch für Schulen wie geschaffen? „Bei meiner Asterix-Lektüre habe ich damals eine ganze Menge über das Römische Reich gelernt”, sagt Heiko Sakurai, auch wenn er sich, bescheiden, nicht mit dessen Schöpfern messen will. Was er an Merkel am liebsten zeichnet? Diese Augen, halbgeschlossen, „bei denen man nie so richtig weiß, was dahinter steckt. Sie sind der Schlüssel zu ihrer ganzen Person.”

Sakurai, Hollstein. Miss Tschörmänie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde. Eichborn, 64 S. 9,95 Euro. Nächste Woche im Handel

Lars L. von der Gönna

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Kommentare
30.06.2009
10:29
Merkel – der Comic
von DerUmDieEcke | #4

Über den Typ mit den gefärbten Haaren (Schröder oder so ähnlich) und einem Müntefering gibt es keinen Comic.Dort ist der Begriff Realsatire viel zutreffender.

28.06.2009
19:21
Merkel – der Comic
von abamalaehrlich | #3

>Die Realsatire ist besser als jeder Comic!

28.06.2009
15:46
Merkel – der Comic
von Siegfried Wagner | #2

Auch über den Führer gab es bereits Comics; jüngst noch vom Anne Frank Zentrum, Berlin.

28.06.2009
15:08
Merkel – der Comic
von Honks | #1

So ganz richtig ist die Einleitung nicht: Ich erinnere mich an einen buchfüllenden Comic über Helmut Kohl, der von einem Rollentausch des Dicken mit seinem Zwillingsbruder handelt. Während zunächst damit vor allem die Trinkfestigkeit bewiesen werden soll (können sich ja abwechseln und zu zweit viel mehr hinter die Binde(n) gießen), übernimmt später der falsche Kohl selbst die Geschäfte, ohne dass es jemandem auffällt.
Ist ganz witzig, aber heute wahrscheinlich höchstens noch übers Antiquariat zu bekommen.

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