McEwans "Kindeswohl" - ein Porträt moderner Gesellschaften

Der britische Schriftsteller Ian McEwan (66) liefert mit seinem neuen Roman Einblicke in moderne Gesellschaften, die sich bei aller Rationalität doch auf ihren eigenen, guten Glauben verlassen müssen.
Der britische Schriftsteller Ian McEwan (66) liefert mit seinem neuen Roman Einblicke in moderne Gesellschaften, die sich bei aller Rationalität doch auf ihren eigenen, guten Glauben verlassen müssen.
Foto: dpa
In Ian McEwans neuem Roman erzählt der Bestsellerautor von Glaube, Liebe und Schuld. Dabei spielt die Religionsfreiheit eine Rolle. Und das Recht, an das wir glauben.

Essen.. Wie urteilskräftig ist ein Mensch, der das Erwachsenenalter noch nicht erreicht hat? In Ian McEwans gefeiertem Frühwerk „Der Zementgarten“ verheimlichen vier Geschwister der Welt, dass sie zu Waisen wurden – und über der Leiche der Mutter (die im Keller liegt) nimmt ein inzestuöses Verhängnis seinen Lauf. In McEwans Weltbestseller „Abbitte“ zerstört die falsche, von allzu viel Fantasie beeinflusste Wahrnehmung eines junges Mädchens die Liebe und das Leben zweier Menschen. Und nun liegt da in seinem neuesten Wurf „Kindeswohl“, der sowohl thematisch als auch literarisch seinen bisher besten Werken nahesteht, ein 17-jähriger Junge todkrank in seinem Bett und verweigert die dringend nötige Bluttransfusion. Aus religiösen Gründen. Darf er das?

Diese Frage soll Fiona Maye klären, Richterin am Londoner High Court. Der Eilantrag der Klinik, die Adam behandeln will, platzt mitten in die Ehekrise der Mayes: Ihr Ehemann Jack, wie Fiona in den 60ern, will noch einmal die große Leidenschaft erleben – und ihre Zustimmung zu einer Affäre mit einer 28-Jährigen. Die sie ihm – „Du Idiot!“ – spontan verweigert.

Meisterliches Porträt moderner Gesellschaften

Während Jack seinerseits beleidigt auszieht, trifft Fiona die Eltern Adams und auf die Weltanschauung der Zeugen Jehovas. Schließlich besucht sie, einer spontanen Eingebung folgend, Adam im Krankenhaus. Ein Schritt, der die professionelle Distanz zu einem Abstand verringert, in dem Adam in der Richterin eine Seelenverwandte erkennt und sie mit seiner Intelligenz betört. Und selbst seine Eltern sind in Folge glücklich über Fionas Entscheidung, die das Leben ihres Kindes rettet, ohne dass sie selbst vom rechten Glauben abweichen mussten.

Doch Fiona, von der ehelichen Schmach noch gebeutelt, lässt schließlich einen verheerenden Moment allzu großer Nähe zu Adam zu, der sie verehrt. Dabei könnte der Junge ihr Sohn sein, und vielleicht liegt hier der Schlüssel zu Fionas irrationalem Verhalten. Ihre Kinderlosigkeit ist „eine Geschichte, die man am besten zügig erzählt“, geschuldet der Karriere – „sie gehört dem Gesetz, wie manche Frauen früher Bräute Christi gewesen waren“.

In dieser aktuellen Variation seiner Grundmelodie – Glaube, Liebe, Schuld – gelingt dem Atheisten McEwan ein meisterliches Porträt moderner Gesellschaften, die dem Glauben fern stehen und sich, bei aller Rationalität, in Fragen von Gut und Böse, Recht und Unrecht doch auf ihren eigenen, guten Glauben verlassen müssen.

Die Kammermusik der Justiz

Zugleich lässt McEwan uns tief ins Innere der britischen Justiz blicken, die mit ihren Ritualen, ihren Kammermusik-Abenden, ihren fein gesponnenen Fäden aus Freund- und Feindschaften eine Welt für sich scheint, darin vielleicht einer Glaubensgemeinschaft nicht unähnlich. Wie urteilskräftig sind eigentlich die Erwachsenen?

„Kindeswohl“ ist ein schmaler Roman und wirkt doch gewaltig: (auch) ein Buch zur Stunde, in der das Ringen um den rechten Glauben die westlichen Gesellschaften erschüttert.