Matthias Claudius, der Anti-Klassiker

Witten..  Sein „Abendlied“ mit den Anfangsworten „Der Mond ist aufgegangen“ kennt bis heute fast jeder, ansonsten aber ist Matthias Claudius (1740-1815), der heute vor 200 Jahren starb, vergessen. Dabei ist er ein faszinierender Schriftsteller, sagt sein Biograf, der Musikprofessor Martin Geck. Jens Dirksen sprach mit ihm über Claudius.

Herr Professor Geck, wozu sollen wir heute noch Claudius lesen?

Er bietet eine wunderbare Vermischung von Frechheit, Frömmigkeit und Frohsinn. Claudius wollte Schlichtheit und Tiefe, das klingt vielleicht kitschig, aber er vermischt es gottlob mit dem Handfesten, Witzigen, Verblüffenden.

Wie passt Claudius denn in die heutige Zeit?

Nun, einmal etwa schildert er im „Wandsbecker Bothen“ einen fetten Ochsen, der geschlachtet wird, er gibt dessen Gewicht haargenau bis aufs Lot an und schreibt: „Der Schlachter hieß Morg, der Name des Ochsen wird nicht genannt“ – das hat es in dieser Zeit sonst nicht gegeben, dass der Respekt vor den Kreaturen auf so hintergründige Weise eingefordert wird. Claudius achtet nicht auf Erhabenheit, er fordert die Leser mit kleinen Schocks oder Anstößen zum Mitdenken heraus, und das ist absolut modern.

Aber er hatte Mut.

Ja, Kindermut zum einen; er hatte keine Angst, sich etwas zu vergeben. Nachdem er mit dem Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel das erste dokumentierte Interview in der Geschichte des Musikjournalismus geführt hatte, fragte er, ob er etwas auf dem Klavier spielen dürfe – dabei war er bestimmt kein virtuoser Pianist. Aber er hatte auch politischen Mut. Er hat auch mit Zivilcourage den Herrschern seiner Zeit ins Gewissen geredet. Der Besitzer seines „Wandsbecker Bothen“ war einer der reichsten Männer Europas, dessen Profite auch aus dem Sklavenhandel stammten. Trotzdem hat Claudius im „Bo­then“ ein Gedicht über die anrührende Klage eines Sklaven auf der Zuckerplantage veröffentlicht.

Warum ist sein „Abendlied“ bis heute so beliebt?

Hm, die Melodie kommt mir etwas lahm vor, an den Zeilenenden verführt sie zum Leiern. Aber sie war offenbar genau richtig. Wir sind seit vielen Jahrhunderten vom Christentum geprägt, und in dessen Geschichte hat es auch viel Abstoßendes gegeben. Aber hier ist das Gegenteil, das Anziehende am Christentum dargestellt. Es geht um existenzielle Wahrheiten, und es scheint am Horizont ein Hoffnungsschimmer auf, wie ihn sich jeder für sein Leben wünscht, ob Christ oder nicht. Von diesem Hoffnungsschimmer zu singen, schafft Zusammenhalt unter Menschen. Das kann von Kindern verstanden werden und sagt auch Erwachsenen etwas. Da fühlen sich Arme wie Reiche, Kleine wie Große gemeinsam in den Arm genommen. Das findet man so schnell weder in kunstvoller Lyrik noch im Volkslied, schon gar nicht im Schlager.

Wie der Bruch im letzten Vers: „Und lass uns ruhig schlafen / Und unsern kranken Nachbar auch.“

Da stelle ich mir vor, dass das die Kleinste im Haus beim Singen diese Worte dazwischenkräht! Bei so viel Nähe zur Familie kann Erhabenheit erst gar nicht aufkommen. Sehen Sie, „Über allen Gipfeln ist Ruh“ von Goethe endet ebenfalls mit dem Wörtchen „auch“. Aber mit „Warte nur, balde ruhest du auch“ raunt uns der Dichterfürst etwas zu, was jeder weiß, hier aber noch einmal von hoher Warte gesagt bekommt. Claudius hat das nicht nötig.

Sein „Kriegslied“ beginnt gar mit einer umgangssprachlichen Auslassung: „’s ist Krieg! ‘s ist Krieg!“

Ja, das klingt wie Volksmund. Doch er schrieb nicht gezielt für Volk. Seine Leser gehörten vor allem dem bürgerlichen Publikum an: Das sollte bei seiner kindlichen Sympathie für „primitiven“ Slang gepackt werden. Das ist ein bisschen so wie die Rockersprache von Udo Lindenberg: So haben die Rocker ja nicht wirklich gesprochen. Aber die Jugendlichen bekamen das Gefühl, das ist echt, so würden wir selbst auch gern quatschen.

Und warum ist er trotz seines dichterischen Niveaus kein wirklicher Klassiker geworden?

Man kann seine Gedichte nicht für die Schule auf Flaschen ziehen, man kann sie weder dem Idealismus noch der Klassik oder der Romantik zuordnen, dazu sind sie zu lebensnah. Die Klassik soll nichts als edel sein, da macht Claudius nicht mit. Deshalb kommt er in der Schule kaum mehr vor.