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Masur: „Wir hinken unserer eigenen Kultur hinterher“

14.04.2010 | 11:10 Uhr
Masur: „Wir hinken unserer eigenen Kultur hinterher“

Essen.Kurt Masur erlebte den Mauerfall hautnah. In der kommenden Woche dirigiert der 82-Jährige zwei Konzerte in der Essener Philharmonie - obwohl er gedroht hatte, nie wieder dort aufzutreten. Ein Gespräch mit dem Dirigenten über 1989 und das Ende kultureller Blüte.

Probe aufs Exempel: Man fragt zehn Menschen in einer Fußgängerzone nach dem berühmtesten lebenden deutschen Dirigenten. Fünf kennen keinen. Zwei meinen, es sei Herbert von Karajan. Immerhin drei nennen Kurt Masur. „Der hat doch damals beim Mauerfall geholfen und war Chef beim Leipziger Gewandhaus.” Den Testverlauf darf man durchaus als Erfolg werten. Und obwohl er nach der Entlassung des ehemaligen Intendanten Michael Kaufmann gedroht hatte, nie wieder in der Essener Philharmonie aufzutreten, dirigiert der 82-jährige Kurt Masur dort in der kommenden Woche zwei Konzerte. Mit ihm sprach Dirk Aschendorf.

Kam der Fall der Mauer, an dem Sie 1989 als Chef des Gewandhausorchesters zwar sanft aber beharrlich beteiligt waren, für Sie persönlich überraschend?

Kurt Masur: Eigentlich nicht. Wenn man ein internationales Orchester hat und reist, dann spürt man gewisse Veränderungen. Der Weg zeichnete sich ab, auch die Spaltung innerhalb der damaligen SED, die zwischen Ideal und Wirklichkeit zerrissen war. Aber in der Schnelligkeit habe ich es nicht erwartet.

Hatten Sie 1989 Angst?

Masur: Wer hatte die nicht angesichts Tausender Bewaffneter? Aber ich machte ja bereits in den 60er-Jahren Erfahrungen mit dem Regime, als ich ohne Orchester dastand und ich mich zunächst nur mit Hilfe von Freunden wie Kurt Sanderling oder Dirigaten fürs Radio über Wasser halten konnte. Es ging nicht darum, vielleicht erschossen zu werden, sondern man versuchte, Menschen anders lebensunfähig zu machen.

Wie steht es um Ihre Hoffnungen nach der Wende? Können Sie verstehen, dass Menschen heute eine SED-Nachfolgepartei wählen?

Masur: Ich glaube, keine Erwartung von irgend Jemandem ist wirklich in Erfüllung gegangen. Aber ich habe auch Verständnis für Menschen, die in Not geraten sind. Es ist die hohe Arbeitslosigkeit, die uns kaputt macht, und da hat bisher keine Partei ein wirksames Rezept entwickeln können.

Man hat mittlerweile die Sorge, dass es der Kultur in Deutschland an den Kragen geht. Theatern droht die Schließung, Musikerstellen fallen weg. Ist Deutschland noch Kulturnation?

Masur: Die Blütezeit ist wohl vorbei. Speziell in der klassischen europäischen Musik verlagert sich der Schwerpunkt immer mehr nach Fernost. In Japan, China oder Korea sind fast alle Menschen von dieser Musik begeistert.

Warum ist das so?

Masur: Vielleicht, weil wir nicht mehr singen. Volkslieder sind der erste Kontakt zur eigenen Musiktradition, welche Mutter singt noch mit ihren Kindern? Aber auch in der Schule werden Musik und Kunst fast systematisch heruntergefahren. Zwei Generationen wuchsen quasi wild auf. Pop- oder Tanzmusik hat wenig mit Kultur zu tun. Traditionsfäden reißen so irgendwann ab.

Verlieren wir den Anschluss an unsere eigene Kultur?

Masur: Wir hinken schon hinterher. Die Nachfrage nach klassischer Musikausbildung ist schon jetzt in Asien viel größer als bei uns. Und in den Entscheidungsgremien, die hier Theater schließen, Orchester herunterfahren, sitzen heute doch allzu oft Leute, die gar nicht kennengelernt haben, was sie nun abwickeln. Ein Helmut Schmidt spielte gut Klavier, ein Walter Scheel sang öffentlich ein Volkslied. Was jahrelang als Kultur der sogenannten bürgerlichen Kreise mit Vorurteilen bedacht wurde, beginnt nun ernsthaft zu verschwinden.

Speziell der Region Ruhrgebiet wird von manchen vorgeworfen, in den letzten Jahren zu viele Konzertsäle gebaut zu haben . . .

Masur: Das Bauen der Säle sehe ich durchaus positiv in einer dicht besiedelten Region. Da scheinen manche Köpfe noch ein Bewusstsein für die Bedeutung von Kultur gehabt zu haben. Nur wenn Kinder ohne diese Kultur aufwachsen, ist das die Gefahr. Pop und Klassik schließen sich ja nicht aus.

Wie nehmen Sie das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt wahr?

Masur: Die Ruhr, davor hatte ich von Anfang an Respekt. Die Wandlung von einer Industrie- zu einer Kulturregion ist gewaltig. Und wenn man Qualität bietet, wird man hoffentlich auch künftig genügend Publikum finden. Ich hoffe, die Region bleibt auch künftig auf einem guten Weg.

Mit dem Orchestre National de France ist Kurt Masur am 21. und 22. April jeweils um 20 Uhr in der Essener Philharmonie zu Gast. 0201/81 22 200.

Dirk Aschendorf

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Kommentare
14.04.2010
10:25
Masur: ?Wir hinken unserer eigenen Kultur hinterher?
von Mimi Müller | #3

Mich hätte interessiert, warum er denn nun doch antritt. Warum hat denn Herr Aschendorg da nicht nachgefragt - wenn ihm doch der Umstand als solcher noch erinnerlich war? Ich will nicht spekulieren - ich will informiert werden. Eine solche Information zu bekommen und weiterzugeben, lag früher ja durchaus mal im Aufgabenbereich eines Journalisten...
Nur weiter so...vielleicht erschließt sich ja irgendjemandem nochmal Sinn und Zweck des Journalismus... Pah!

14.04.2010
10:23
Masur: ?Wir hinken unserer eigenen Kultur hinterher?
von holmark | #2

Vielen seiner Aussagen kann man uneingeschränkt zustimmen. Statt Bethoven DSDS, das ist meiner Meinung nach ein absoluter Niedergang der Kultur.

14.04.2010
09:59
Masur: ?Wir hinken unserer eigenen Kultur hinterher?
von Urmelinchen | #1

Als konsequente Inkonsequenz könnte man das Verhalten von Herrn Masur betiteln. Nach nur zwei Jahren, dirigiert er, der nie wieder in der Philharmonie auftreten wollte, genau dort. Was ihn wohl dazu bewogen haben mag, die eigene Drohung zu brechen? Alles eine Frage des Preises!!

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