Martin Luther Kings Erbe

Washington..  Es war die seit Langem politischste Privat-Vorführung eines Hollywood-Films im Weißen Haus. Nachdem die Oscar-Jury dem von Kritik und Publikum hymnisch gefeierten Bürgerrechts-Drama „Selma“ wichtige Nominierungen versagt hatte, lud Präsident Barack Obama Ava DuVernay, die schwarze Regisseurin, und David Oyelowo, der in beeindruckender Weise Martin Luther King verkörpert, am Wochenende an die Pennsylvania Avenue ein. Die Visite kam einem Ritterschlag zu historischer Stunde gleich.

Gestern besuchte die Film-Crew inklusive Talk-Star Oprah Winfrey die Edmund-Pettus-Brücke, die sich in Selma über den Alabama River spannt. Vor fast 50 Jahren fanden in der Kleinstadt die vom rassistischen Gouverneur George Wallace orchestrierten Polizeiübergriffe auf schwarze Bürgerrechtler statt, die im Mittelpunkt des Films stehen. Sie erschütterten – live im Fernsehen – die ganze Nation. Und zwangen Präsident Lyndon B. Johnson dazu, Kings Drängen nach Verabschiedung eines gleichberechtigten Wahlrechts für Afro-Amerikaner nachzugeben. Eine Errungenschaft, derer die USA heute am „Martin Luther King Day“ gedenken.

„Selma“ kommt in Deutschland erst am 19. Februar in die Kinos. In den USA erhitzt das Werk seit Wochen die Gemüter. Mitstreiter Lyndon B. Johnsons werfen den Machern Geschichtsklitterung vor. Es sei wahrheitswidrig, Johnson als Gegner des „Voting Rights Act“ zu charakterisieren, der im Sommer 1965 die bis dahin absichtsvolle Benachteiligung der Schwarzen an den Wahlurnen beendete. Joseph Califano, einst Johnsons Berater, verstieg sich gar zu der Behauptung, der Protestmarsch von Selma sei die Idee des Präsidenten gewesen.

John Lewis, damals schwer geschunden von der Polizei und heute Kongress-Abgeordneter in Washington, erkennt in den wütenden Attacken einen „Revanchismus“, der die Verdienste Kings schmälern will. Dabei weiß er Johnsons Chef-Biografen Robert A. Caro auf seiner Seite. Der erinnerte daran, dass Johnson vor seiner Präsidentschaft „sogar gegen Gesetze gestimmt hat, die das Ende der Lynch-Justiz zum Ziel hatten“. Caro beschreibt Johnson als Verfechter der Rassentrennung.

Der sehenswerte Film von Ava DuVernay vermittelt einen beklemmenden Einblick in die damals von Hass und Blindheit geschlagene Realität des amerikanischen Südens. Alle Schlüsselrollen sind blendend besetzt, Kamera, Schnitt und Musik superb. Nach der Sondervorführung im Weißen Hauses ruhen die Hoffnungen nun auf der Königs-Disziplin: „Selma“ geht bei den Oscars am 22. Februar als „bester Film“ ins Rennen.