Marco Figgen und die Bart-Art
30.12.2008 | 19:31 Uhr 2008-12-30T19:31:00+0100
Essen. Vor zwölf Jahren wanderte Marco Figgen nach Thailand aus. Heute ist er ein international bekannter Künstler und der einzige Bartmaler der Welt.
Pinsel sind dem Mann zu einfältig. Die kosten Geld und gehen verloren. Der Bart ist dran, wenn Marco Figgen Farbe bekennen will. Dann taucht er die Spitze seiner liebevoll langgezwirbelten Gesichtsbehaarung flugs ins Flüssigkolorit, bringt mit einem vernehmlichen Schruppen Buntes auf die Leinwand und sich selbst geschickt ins Gespräch: als der Welt einziger Bartmaler, als Unikat und Unikum zugleich, das sich vor zwölf Jahren aus Essen wegmachte, in Thailand ausstieg, um endlich anzukommen. Vor allem in sich selbst, wie er sagt.
Wie die Haare im Kamm
Das verfängt so zuverlässig wie die Haare im Kamm: In Zeiten, in denen Geschichten vom Existenz-Ende in Deutschland und internationalem Neuanfang im XXL-Format für Quote wie Hoffnung sorgen, ist der 53-Jährige von der Margarethenhöhe ein durchaus gefragter Mann. Wie ein Bartist des Lebens vagabundiert Figgen selbst durch die Spalten der Washington Post, über den Äther der BBC und durch die Studios deutscher Fernsehsender, um sich und sein ständig wachsendes Phänomen angemessen bestaunen zu lassen.
Immerhin 15 Jahre brauchte es, bis das, was manche Bröselbesen nennen würden, es auf aktuell ansehnliche 1,20 Meter brachte, erzählt Figgen dann. Ein wahrhaft imposantes Anhängsel, das wider Erwarten keine besondere Pflege verlangt, sondern nur ein bisschen Rücksichtnahme: Ölhaltiges ist tabu, doch wasserlösliche Farben verträgt das Haar, ohne sich zu sträuben. Wohlgemerkt: splissfrei. Zwei Mal hat Marco Figgen zwar schon draufgetreten, was sein Prachtstück ein paar Zentimeter kostete, seinen Träger aber keinesfalls die Zuversicht. Der Mann ist einer, der sich so einfach nicht stutzen lässt, einer der ganz besonderen Bart-Art.
Stutzig geworden? Marco Figgen?, mag sich mancher fragen, und erinnert sich an einen gewissen Marcus Figgen, der 1989 beim Musikfestival "Anna´s Party" mit 60 Bands an drei Tagen auf drei Bühnen auf dem einstigen Zechengelände an der Gladbecker Straße für einen Flop und das fast geflügelte Wort "der Schaden für die deutsche Rockmusik ist unermesslich" gleichermaßen sorgte. Genau der ist es. Der, der auch Macher von "Marcus Musik Magazin", dem Vorläufer von Coolibri & Co., von "Hinkelstein Promotion" und anderen Projekten war, an denen sich der Mann schon mal verhob. Bevor er 1996 nach einem Vierteljahrhundert Konzertwesen zwischen Zappa und der Kelly Family, dem Jugendzentrum und der Grugahalle um ein Haar rasiert und mittellos erst einmal nach Asien verschwand, um dort festzustellen: Der Thailänder an sich, sagt jedenfalls Figgen, kann kein "s" aussprechen. Deshalb Marco. Einfach so, der Einfachheit halber.
Nein, der Mann ist beileibe kein Rasierschaumschläger. Er ist viel mehr ein Daseinskünstler, der auf der Suche nach sich selbst in Höhlen und auf Baumhäusern hauste, auf Entbehrungen blickte und das Meer sah. Ein knorrig kauziger Knabe, der fern seines früheren Treibens als Veranstalter, das er zuletzt nur noch als unerträglichen sinnlosen Stress empfunden haben will, seine Erfahrungen machte - auch die, wie es sich so hungert am schönen Strand eines fremden Landes, wo ein selbst gemaltes Bild jemandem wie ihm aber ein warmes Abendessen einbringen kann. Als er ankam, lebte er von der Hand in den Mund, hatte keinen Pinsel, nur seinen Bart, damals 60 Zentimeter lang, einen Rest Farbe und seine Idee, die ihm jenseits von Deutschland die bohrende Frage beantwortete: "Was machste denn jetzt?" Heute hat Figgen zu essen, eine Frau und viele Fans.
Kein Rentner ohne Gemälde
Denn es gebe inzwischen keinen Rentner mehr in Pattaya, sagt der Künstler, der kein Gemälde von ihm hat. Die bringen ihm "so zwischen 50 und 100 Euro" pro Stück ein. Über 1000 meint er gemalt zu haben. "Ich muss jeden Tag malen." Und komplettes Bar-Inventar verzierte er zudem. Mit Palmen, Bergen, Meer und mehr. In Thailand bekamen schon ganze Wände seinen Bart zu spüren.
Ähnlich bunt wird´s, wenn Figgen fabuliert. Da sitzt er nun auf Stippvisite in Essen in dem Atelier von Kollege "Ruhrstadt-Maler" Ariyadasa Kandege im Unperfekthaus an der Friedrich-Ebert-Straße und legt los: erst mit dem Bart, seinem zur Schau getragenen "Symbol der Einheit" von Pinsel und Maler. "Wir machen jetzt mal einen Sonnenuntergang", sagt Figgen und bringt ein bisschen Gelb, ein bisschen Rot, dann ein bisschen Weiß auf den Bart und dann auf Leinwand. Dann geht´s weiter mit dem Mund: Seine Essener Konzertagentur habe er aufgegeben, "um zu Gunsten einer spirituellen Entwicklung aus der funktionalen Routine des Alltags herauszutreten". Dieser Versuch, "leben zu lernen ohne materielle Absicherung", sei geglückt, er bereue nichts, lebe "im Hier und Jetzt", das Gestern und das Morgen seien doch nur Illusionen, allein der Moment sei Wirklichkeit und vieles mehr.
Da ist ihm die thailändische Art des Lebens, "in dem alles einen Sinn hat", eine sympathische, eine, die seinem Denken und Fühlen nahekommt. Doch bei aller Begeisterung fürs ferne Asien will Figgen sämtliche Brücken hinter sich dann doch nicht abgerissen sehen. Schon holt er aus zu einem neuen Sprung zurück in die alte Heimat. In ihm reift der kühne Plan, Videos von seinen Werken mit Musik zu hinterlegen, um beides als Entspannungs-DVD unter die Menschheit zu bringen. Der 53-Jährige versucht gerade, einen Vertrag mit einer Plattenfirma zu bekommen und sucht zudem Kontakt zu hiesigen Galerien, die seine Kunst ausstellen wollen. Wenn´s funktioniert, wäre er "bereit, nach Deutschland zurückzukehren", um seine Erfahrungen "mit den Deutschen zu teilen".
Marco Figgen besitzt momentan nicht allzu viel, nicht viel mehr als seine ungebrochene Zuversicht. Mit der geht er heute ins Neue Jahr und lässt ahnen: Für einen wie ihn ist der Bart nicht ab. Längst noch nicht.
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