Marc Kaysers Reise auf der B96 – zwischen Lüsten und Lasten

Marc Kayser auf der Bundestraße 96.
Marc Kayser auf der Bundestraße 96.
Foto: Nikola Kuzmanic
Was wir bereits wissen
Marc Kayser fuhr für sein Buch „Große Freiheit Ost“ von Zittau über Berlin nach Sassnitz – und porträtierte ein sympathisches Land.

Berlin.. Ingrid ist schlecht gelaunt, mag keine Fragen beantworten, nicht zu ihrem Laden und nicht zu ihrem Leben. „Wir sind vor sechs Jahren überfallen worden“, sagt sie dann doch. „Die Männer hätten mich fast umgebracht. Ich traue hier keinem.“ Sie sagt wenig, aber das, was sie sagt, erschüttert – und ist vielleicht auch der Grund für das ungewöhnliche Sortiment ihres Ladens bei Zittau: Zusammen mit ihrem Mann Gunther verkauft sie Zeitungen, Tabak – und Luftgewehre. „Und sehen Sie nicht, wir haben hier zu tun.“ Dann schickt sie Marc Kayser auf die Straße.

Aber genau da will er hin. Der Journalist und Autor hat in seinem gerade erschienenen Buch „Große Freiheit Ost – Auf der B96 durch ein wildes Stück Deutschland“ (Bild und Heimat Verlag) die Bundesstraße 96 porträtiert, jene 520-Kilometer-Straße, die von Zittau in Sachsen über Berlin bis nach Sassnitz auf Rügen führt. Dabei hat Kayser immer wieder Schlenker und Stopps eingebaut und viele kleine Psychogramme aufgeschrieben, von Menschen, die an der Straße leben. Streng genommen liegt die B96 komplett im Osten des Landes und so hätte es leicht ein Ostalgiebuch werden können. Doch: „Die Straße führt einmal komplett durch Deutschland“, sagt Marc Kayser. „Es gibt so viele Westdeutsche, die inzwischen ein Haus auf Rügen haben oder in Brandenburg.“ Er wollte, sagt er, eben Deutschland anhand einer Straße erklären. Die B96 sei für ihn so etwas wie die Route 66 in den USA. Kein Wunder, dass sein Soundtrack – der im Buch auch immer eine Rolle spielt – ein romantischer ist: David Bowie, Patti Smith und die Eagles.

Sich der Straße philosophisch nähern

So tanzt er im Land der Sorben an der tschechischen Grenze mit Einheimischen eine Nacht durch und trifft auf Rügen Kunsthändler, die es geschafft haben, exklusiv Werke von Armin Mueller-Stahl auszustellen. Zwischen diesen Treffen stehen immer wieder Gedanken zum Unterwegssein. Er sagt, er habe sich der Straße philosophisch nähern wollen. „Auf so einer Straße kann man sich treffen oder trennen, manche steigen in einen Bus ein, andere überqueren die Straße nur, wieder andere sterben.“ In seinem Buch nennt er die B96 eine „Straße der Arbeit“, auf der „Lüste und Lasten transportiert werden, schwere und leichte Gedanken.“

Auch der Tod ist präsent im Buch. Kayser beschreibt die Holzkreuze, die in Brandenburg zwischen den Bäumen stehen, und in Berlin ein Mahnmal für das jüngste Maueropfer: zwei Jungen, Jörg und Lothar, die sich beim Versteckspielen im Jahr 1966 in den Todesstreifen verirrt hatten und erschossen wurden. Einer war zehn­, der andere 13 Jahre alt. Heute gibt es dort die Kleingartenanlage „Fortuna“ und „Am Mississippi“, und die Männer mit der Heckenschere kennen ihre Nachbarn noch immer nicht.

Die Reise auf der B96 ist auch ein Trip zu sich selbst

Kayser ist ein guter Beobachter mit einem Herz für Besonderheiten, wie den Tabak-und-Waffen-Laden, oder die verschiedenen Dialekte, die er genauso liebevoll beschreibt wie die Fahrstile. „Im nördlichen Brandburg rasen sie unglaublich“, sagt er, „Ab Oranienburg wird es gefährlich.“ In Sachsen gehe es gemütlicher zu. Und auf Rügen, sagt er, sei es bald ähnlich exklusiv wie heute auf Sylt. Und am Grabowsee findet der Autor für einen Augenblick zu sich, ist allein mit der Natur. „Aus der Ferne ruft ein Käuzchen über den See“, schreibt er und fragt: „Nach wem eigentlich?“

Für Marc Kayser ist diese Reise auch ein Trip zu sich. Kurz vor dem Mauerfall, im Juni 1989, ist der Potsdamer aus der DDR ausgereist. Er volontierte bei der „Süddeutschen Zeitung“, war Redaktionsleiter bei Alfred Biolek und Sabine Christiansen, dann freier Autor und schrieb mit „Trias“ und „Hexagon“ zwei Politthriller. Doch die Reportage, das Interesse an Menschen, hat ihn nie verlassen – und so klopft er an ihre Türen.

So entlockt er der Moderatorin Inka Bause persönliche Worte über ihren zu früh gestorbenen Vater, trifft einen Jugendlichen, der sich über seine geschiedenen Eltern ärgert – und irgendwo in Mecklenburg klingelt Marc Kayser bei Inga, die ein Haus direkt an der B96 bewohnt. Das ist nicht vorbereitet, das kann schiefgehen, aber Inga öffnet und fragt, was er wolle. Marc Kayser fragt: „Sie haben einen schönen Wagen in der Einfahrt, darf ich den anschauen?“ – „Warum nicht“, sagt Inga, „entsteine mit mir Pflaumen und ich zeig dir meinen Truck.“