Mal wieder Stöpsel in Dortmund

Caroline Hanke als „Elektra“ in Dortmund.
Caroline Hanke als „Elektra“ in Dortmund.
Foto: Birgit Hupfeld
Was wir bereits wissen
Ohrenstöpsel für Zuschauer sind nicht die einzige Konstante am Dortmunder Schauspiel. Auch Euripides’ „Elektra“ erfährt, wie so vieles, eine starke Neubearbeitung.

Dortmund.. „Was sollen wir angesichts des gegenwärtigen Ideologie-Durcheinanders mit einem Königsmord anfangen?“, fragt der Dramaturg Alexander Kerlin im Beiheft zu Paolo Magellis Dortmunder Inszenierung des Antiken-Dramas „Elektra“ nach Euripides. Aber die Option, dann doch lieber auf eine Aufführung zu verzichten, kommt für einen Theatermacher wie ihn schon gar nicht infrage.

Dann schon lieber den Text ändern, ihn für die Gegenwart brauchbar machen und den musikalischen Leiter des Hauses, Paul Wallfisch, mit der Bühnenmusik betrauen. Der nimmt mit seinem Trio Zitate aus der „Elektra“-Oper von Richard Strauss, vermengt sie mit Noise-Jazz, zerfetzt Beethovens zur Europa-Hymne erklärte „Ode an die Freude“ und legt anklagende Punk-Klangteppiche. Die Ausgabe von Ohrstöpseln gehört an diesem Haus derzeit zum Alltag.

Der Abend beginnt eher traditionell als Familiendrama. Elektra, Tochter des von seiner Gattin Klytaimnestra (Friederike Tiefenbacher) und deren Liebhaber Aighist erschlagenen Königs Agamemnon, kann auch nach 20 Jahren die ruchlose Tat nicht vergessen. Regisseur Magelli lässt Caroline Hanke in dieser Rolle sich durch Bodenübungen fit halten, um immer bereit zu sein für den Tag der Rache. Der rückt näher, als ihr verschollener Bruder Orest (Peer Oscar Musinowski) plötzlich wieder auftaucht. Doch dass Düsteres naht, signalisiert bereits die Bühne von Hans Georg Schäfer, die dominiert wird von einem Strand aus staubigem Gestein, in dem freudiges Wälzen was von Kasteiung an sich hat.

Oper Derbe Trinksprüche

Von nun an hat Euripides kaum noch eine Chance und der Dramaturg Kerlin übernimmt. Zunächst mit derben Trinksprüchen („Was früher meine Leber war, ist heute eine Minibar“) zur Einstimmung auf den Mutter- und Tyrannenmord, später mit der um sich greifenden Ratlosigkeit der Figuren. Orest liefert statt des Kopfes von Aighist einen Schweineschädel, nicht mehr in der Lage, den Unhold auszumachen. Überall und nirgendwo sei er, unfassbar, ein ungenaues Feindbild, passend in eine immer ungenauer werdende Welt.

Es wäre schön, wenn man sich als Zuschauer auf dieser Erkenntnis ausruhen könnte, trotz schriller Orchestrierung im Hintergrund. Doch Magelli und Kerlin wollen die Abrechnung mit dem Menschengeschlecht schlechthin. Deshalb erwächst aus dem stillen Pylades plötzlich ein Monstrum mit Endzeitvisionen, das nichts mehr gelten lassen will, weder Religion noch Kultur („alles Scheiße“), dass stattdessen Dezimierungspläne favorisiert. In einer schier endlosen, rotzigen Suada predigt hier einer vom Untergang der Menschheit und gleichzeitig von der Schönheit der Natur. „Endlich allein. Nur noch du und ich.“ Auf dass nun alles von vorn beginnen möge?

In Dortmunds Theater backt man keine kleinen Brötchen. Manchmal aber haben sie einen schwer zu definierenden Beigeschmack.