Schriftstellerin Marlene Streeruwitz bleibt voller Unbehagen

Marlene Streeruwitz auf der Fensterbank ihres Hauses in Wien. Die vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin feiert am 28. Juni ihren 65. Geburtstag.
Marlene Streeruwitz auf der Fensterbank ihres Hauses in Wien. Die vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin feiert am 28. Juni ihren 65. Geburtstag.
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Was wir bereits wissen
Die Heldinnen der Wienerin Marlene Streeruwitz wehren sich gegen Anpassung an die Verhältnisse. Ihr nächster Roman beginnt mit einem Pistolenkauf.

Wien.. Das Haus ohne Klingel ist grün umwuchert. Rankpflanzen umklammern die Außenwände bis unters Dach. Majestätische Kiefern im Garten stammen sicher noch aus der Kaiserzeit. Was für ein stimmiges Zuhause für eine Schriftstellerin, die dereinst bei der Öko-Zeitschrift "Natur ums Dorf" Anleitungen zum richtigen Pflanzen verfasste und dann zur politisch höchst engagierten Bühnen- und Romanautorin wurde: Marlene Streeruwitz.

Die Österreicherin wird 65 Jahre alt (28. Juni). Von beginnender Altersmilde will die Frau, deren Herz im Leben wie im vielfach ausgezeichneten Werk für das Anarchische schlägt, nichts wissen. "Ich werde nur noch wütender."

Voller Abscheu für das Lob auf Bestehendes

Kultur oder Politik, Streeruwitz ortet voller Abscheu allenthalben das Lob auf das Bestehende. "In Kunst und Kultur nimmt die Professionalisierung in einem erschreckenden Maß zu", und ihre Augen blitzen dabei. Es gehe kaum mehr um Spielräume, Schlupf-Kapazitäten, Clowns-Freiheiten. "Ohne Gegenwelt zu den herrschenden Verhältnissen ist doch alles nur eine große PR für das, was da ist." Und die Politik? "Die Fantasielosigkeit ist hier grenzenlos", sagt Streeruwitz. Gestaltungswille? Fehlanzeige! Es werde höchste Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Literatur Als Autorin will sie wirken, Abgründe zeichnen, den Kampf um die Würde aufnehmen - ihn letztlich bestehen. Begonnen hat die in Baden bei Wien geborene Lehrerstochter Mitte der 1980er Jahre mit Hörspielen und ersten Texten. Als Dramatikerin wurde sie bald vom Feuilleton als "Hoffnungsträgerin des deutschen Theaters" gefeiert. Ihre Stücke wie "Waikiki-Beach" (1992) oder "New York, New York" (1993) - hier war der Ort der Handlung ein Männerpissoir aus der Kaiserzeit - waren auf vielen Bühnen präsent. Die alleinerziehende Mutter zweier Töchter hatte den Durchbruch als Provokateurin geschafft und dabei das Kleinbürgertum aufgespießt.

Auch ihre Heldinnen machen es sich nicht bequem

Mit "Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre." debütierte Streeruwitz 1996 erfolgreich als Romanautorin. Der "Süddeutschen Zeitung" gefiel, dass die Geschichte um eine verlassene Frau größer war als der übliche "Küche-Kinder-Kummer-Realismus". Wie viel Streeruwitz steckt in einem Streeruwitz-Werk? "Wahnsinnig viel. Aber am Anfang hätte ich das so nicht zugegeben, weil man sonst eine Entwertung fürchten muss", erinnert sich die Feministin. Sie trägt zum Interview Turnschuhe. Und könnte fast gleich losjoggen, so wie Jessica in "Jessica, 30." (2004) - die beim Laufen im Prater gegen einen inneren Schweinehund wie Gesellschaft kämpft.

Und bequem machen es sich die Heldinnen aus der Feder der Wienerin, die auch in New York und London lebt, weiterhin nicht. Der nächste Roman ist in Vorbereitung, er soll in der Po-Ebene oder im US-Bundesstaat New Mexico spielen. Das hänge noch vom Finden des richtigen Orts und weiteren Recherchen ab, sagt die Autorin. Aber die Protagonistin steht fest: "Es ist eine ganz alte Sprachwissenschaftlerin, die sich um nichts schert. Eine alte Anarchistin. Und alles beginnt mit dem Kauf einer Pistole", verrät Streeruwitz, die sich bei etwaigen Schreibblockaden gern mit einem Mikado-Spiel ablenkt.

Gegenwart und Zukunft sieht Streeruwitz mit großem Unbehagen. "Es ist so viel schlechter, unangenehmer, ungemütlicher als vor 50 Jahren. Das schockiert." Die kalte Schulter gegenüber den Flüchtlingen, das Ausspähen der Privatsphäre, die Umweltschäden - nirgends ein Thema, das Hoffnung mache, nirgends ein Handelnder, der Vertrauen verdiene. "Helden sind doch die Menschen, die sich bemühen, die mehr wollen", formuliert sie ihr Credo für Leben und Werk. (dpa)