Martin Walser, rücksichtsloser Frauenversteher

„Die Inszenierung“ heißt der neue Roman von Martin Walser .
„Die Inszenierung“ heißt der neue Roman von Martin Walser .
Foto: Marco Kneise
Was wir bereits wissen
„Warum wird der Betrug immer dem Betrüger übel genommen anstatt dem Umstand, der diesen Betrug erzwungen hat?“, fragt Martin Walser in seinem neuen Roman „Die Inszenierung“.

Hagen.. „Warum wird der Betrug immer dem Betrüger übel genommen anstatt dem Umstand, der diesen Betrug erzwungen hat?“, fragt Martin Walser in seinem neuen Roman „Die Inszenierung“. Hinter der provokanten Formulierung steht das offenkundig ambivalente Verhältnis des mittlerweile 86-jährigen Schriftstellers zu Frauen. In der Art eines theatralischen Kammerspiels für drei Personen (und einen Briefeschreiber) setzt sich Walser mit dem Spannungsverhältnissen von Liebe und Treue, Vertrauen und Verrat, Wahrheit und Heuchelei intensiv auseinander.

Intensive Liebesbeziehungen

Im Mittelpunkt des Gedanken-Geschehens steht der Theaterregisseur Augustus Baum, der nach einem Herzanfall im Krankenhaus liegt und abwechselnd Besuch von seiner Frau und einer Nachtschwester bekommt. Zu Beiden pflegt der zusehends Genesende intensive Liebesbeziehungen, zahlreiche andere hat er im Verlauf seines Lebens neben der Ehe immer gehabt. Zwischen platonischer Schwärmerei und leidenschaftlicher Besessenheit versucht Baum, allen, vor allem aber sich selbst, gerecht zu werden. Daher entwirft er ein Lebens- und Liebesmodell der besonders egomanischen Form. Baum betreibt rücksichtslosen Raubbau an den Gefühlen der Frauen, die ihm förmlich hörig sind, ihn verfluchen und doch nicht von ihm loskommen.

Literatur Natürlich drängt sich die Frage auf, welche Distanz Martin Walser zu diesem Augustus Baum überhaupt hat und welche Hybris den alten Mann nach wie vor treibt, sich einmal mehr dem Vorwurf des Gefühlsexhibitionisten auszusetzen. Immerhin bleibt Walser ein wahrer Meister der Formulierkunst. Die thematische Nähe zum Theater, zur Bühne, durch seinen Regisseur Baum nutzt der Autor, um intelligente Verknüpfungen zwischen Dramen- und Konfliktstoffen der Weltliteratur und seiner eigenen, kleinen Krankenhaus-Inszenierung zu herzustellen.

„Der Gebrauch, den Gebildete von ihrer Bildung machen, ist oft vernichtend“, schreibt Walser, um alsdann das eigene Bildungsbürgertum deutlich herauszustreichen. In immer neuen Liebes- und Treueschwüren verdichtet sich das Geschehen: „Ich bin nur noch der, der ich durch dich bin. Und sein werde!“ Oder: „Du bist alles, was sein kann!“ Oder: „Ich liebe dich mehr als ich je lieben konnte.“

Das alles klingt zutiefst dramatisch und auch ziemlich kitschig. In der Vorstellung, dass hier ein 86-Jähriger diese Worte findet, wirkt es zudem ein wenig befremdlich. Dazu kommt eben diese schier unbeugsame Ich-Sucht, die als oberstes Gesetz die Rechtfertigung in sich selbst zu besitzen scheint und skrupellos mit den Gefühlen der anderen umgeht.

Süßliches Heiligenbild

Am Ende überhöht Walser seine „Inszenierung“ in ein süßliches Heiligenbild gleichsam einer bevorstehenden Himmelfahrt. Er flüchtet sich in ein Verfremdungsmuster, um nicht in dem emotionalen Kleister ersticken zu müssen, den er zuvor angerührt hat. Zurück bleiben verstörte und verletzte Gefühle. Martin Walser lässt seinen August Baum von „Immunschwächen der Seele“ sprechen. Das ist sein Vokabular der Entschuldigung. Und der Rechtfertigung.

  • Martin Walser, Die Inszenierung, Rowohlt Verlag, 174 Seiten, 18,95 Euro