Endlich übersetzt: Haruki Murakamis Frühwerke

Literatur-Star Haruki Murakami hat einen Hang zur Anderwelt - das zeigt schon seine beiden ersten Romane. In deutscher Sprache gab es sie allerdings 35 Jahre lang nicht.
Literatur-Star Haruki Murakami hat einen Hang zur Anderwelt - das zeigt schon seine beiden ersten Romane. In deutscher Sprache gab es sie allerdings 35 Jahre lang nicht.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Nach 35 Jahren wurden die ersten beiden Kurzromane des japanischen Literatur-Stars Haruki Murakami endlich ins Deutsche übertragen: "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973" sind echte Entdeckungen.

Seine Romane begeistern Leser und Kritiker, seit Jahren gilt er als Favorit für den Literaturnobelpreis: Der Japaner Haruki Murakami ist ein Literaturstar. Trotzdem dauerte es 35 Jahre, bis seine ersten beiden Werke ins Deutsche übertragen wurden. Der Grund: Der Autor sträubte sich.

Noch das Vorwort zur deutschen Doppelausgabe – bereits in der Top Ten der Bestsellerliste – spiegelt Murakamis Hemmungen, die Kurzromane „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ als Teil seines Oeuvres anzuerkennen. „Küchentisch-Romane“ nennt er sie, „liebevoll und auch etwas verlegen“. Ihre Entstehungsgeschichte ist anrührend: Mit Ende Zwanzig betrieb Murakami ein Jazz­lokal, als er „an einem sonnigen Nachmittag im April 1978“ ein Baseballspiel anschaute und ihm der „schöne satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf“, eine Offenbarung schenkte: „Ja – vielleicht kann ich einen Roman schreiben.“ Wie er dann nachts am Küchentisch schrieb, rang, kämpfte, wie er schließlich seine Sätze auf Englisch formulierte und sie durch die Rückübersetzung ins Japanische den typisch-schlichten Murakami-Sound erhielten, auch das verrät der Blick durchs Schlüsselloch der Küchentür.

Und die beiden Romane? Enthalten bereits das meiste von dem, was Murakamis Werk heute ausmacht. Einsame junge Männer in der Großstadt, Bier und Frauen, die leise Melancholie und der Hang zur Anderswelt, zum Unerklärlichen – alles da. In „Wenn der Wind singt“ lernt das erzählende Ich in einer stocktrunkenen Nacht einen Kumpel namens Ratte kennen, erinnert sich an frühere Freundinnen und trifft im Plattenladen ein mysteriöses, trauriges Mädchen, das an einer Hand nur vier Finger hat – auch sie bereits eine typische Murakami-Figur.

Ein Leckerbissen für Literatur-Gourmets

Bemerkenswert, wie geschickt schon der junge Autor mit Leerstellen arbeitet, das Nichterzählte Bände sprechen lässt. In „Pinball 1973“ (ein „Roman über das Flippern“, wie es einmal heißt) taucht „Ratte“ am Rande wieder auf – seine Geschichte spinnt sich parallel fort, ohne Kontakt zum Erzähler. Der erlebt einen Moment, in dem er sich fühlt „wie aus den Teilen zweier verschiedener Puzzles zusammengesetzt“ und wacht am nächsten Morgen neben Zwillingsmädchen auf. Eine Welt der Verdoppelungen, wie die Parallelwelt mit den zwei Monden in „1Q84“.

Vielleicht ist noch nicht jedes Wort geschliffen, vielleicht ragt mancher Kunstwille zu kantig heraus – und doch bieten Murakamis kleine Küchen-Künste bereits einen echten Leckerbissen für Literatur-Gourmets.