Bücher zum Wahlkampf - Die finsteren Seiten der Macht

Auch der diesjährige Wahlkampf lässt wieder so manches politische Blitzgewitter heraufziehen.
Auch der diesjährige Wahlkampf lässt wieder so manches politische Blitzgewitter heraufziehen.
Foto: WAZ FotoPool
Eine Piratenpartei-Satire, Politiker-Dramen und ein Kanzleramts-Thriller: Passend zum Wahljahr erscheinen in diesen Tagen neue Bücher, die die finsteren Seiten der Macht ausleuchten - vom Roman mit Love-Story über den ulkigen Krimi aus Mülheim bis zum knallharten Thriller.

Essen.. Das Wahljahr ist immer für eine Geschichte gut: Es beschert uns kunstvolle Wortakrobatik, die jedem Märchenerzähler zur Ehre gereichen würde. Die Wahrheit hinter den Kulissen aber lassen jene Werke ahnen, die eigentlich Fiktionen sein wollen. Wir stellen aktuelle Polit-Romane und -Krimis vor, die sicher eine gute Wahl sind.

Die Sauerländer Botschaft

Märchenhaft – auf Markus Feldenkirchens Roman „Keine Experimente“ (Kein & Aber, 400 Seiten, 22,90 Euro) passt die Beschreibung schon auch. Nicht, weil er von einem unglaublich rückwärtsgewandten CDU-Familienpolitiker, Frederik Kallenberg, erzählt, der als Sauerländer in Berlin Furore macht, indem er ein „Müttergeld“ fordert und die „gottgegebene Stärke der Frau als Mutter und Hauswirtschafterin“ preist. Sondern, weil dieser Kallenberg – verheiratet mit Jugendliebe Julia, zwei Söhne – sich in die Kreuzberger Studentin und Frauenrechtlerin Liane verliebt. Über der gemeinsamen Theodor-Fontane-Lektüre kommt man sich näher: Hier bringt „Spiegel“-Redakteur Feldenkirchen, dessen Roman sich über weite Strecke wie eine typische Titelstory liest, gekonnt eine weitere literarische Ebene ins (Liebes-)Spiel – und unterfüttert so die etwas zu märchenhafte Love-Story.

Im Kern geht Feldenkirchen der Frage nach, wie aus familiären Prägungen und persönlichen Traumata politische Überzeugungen entstehen – und inwieweit sie wandelbar sind. Sein Kallenberg ist ein aus der Zeit gefallener Politiker-Typus, einer, der „dem Schrumpfungsprozess der Ideale getrotzt“ hat. Dass ausgerechnet er in einen polnischen Nachtclub stolpert, dort fotografiert und von der eigenen Kanzlerin erpresst wird (die die Partei lieber doch nicht sooo konservativ hätte) – ach, das tut beim Lesen richtig weh.

Politiker sind: „Menschen, denen das Fragezeichen fremd geworden war“.

Bei Anruf Mord

Pikantes Fotomaterial bedroht auch die Karriere von Henning Bürger, der mit seiner „Friedenspartei“ den Berliner Senat erobern, gar Regierender Bürgermeister werden will: ein Foto, das ihn in Sado-Maso-Kluft mit einer jungen Frau namens Lisa Gerhard zeigt. Blöd, weil Bürger als „friedlich, sozial, kompetent, authentisch, ein Vorbild“ gilt. Blöd auch, weil Lisa Gerhard tot ist, erschlagen im eigenen Wohnzimmer. Wieso ausgerechnet zwei Call-Center-Mitarbeiter den Politiker erpressen, erzählt Sven Stricker im rasanten Roman „Schlecht aufgelegt“ (Rowohlt, 320 Seiten, 13,99 Euro). Kuli, der wie der Autor aus Mülheim stammt, sowie sein mies gelaunter Kollege Paul geraten dabei selbst in Gefahr. Ein spannendes Debüt, im Tonfall heiter bis ulkig.

Der Politiker im Wahlkampf: „Ich mache das, weil wir mit unserer Partei für eine halbe Stunde Hoffnung gut sind. Immerhin. Für genau die halbe Stunde, die jemand braucht, um in sein Wahllokal zu gehen und uns seine Stimme zu geben.“

Unter falscher Flagge

Die allein erziehende Lehrerin Friederike hasst die Piraten. Weil sie es geschafft haben, ihrer Partei, den Grünen, Wähler abspenstig zu machen. Und weil Oberpirat Volker Plauschenat ihr eine witzige Werbefilm-Idee stahl (glaubt sie). Als „Erika Mustermann“ schleicht sie sich im gleichnamigen Roman von Robert Löhr (Piper, 272 Seiten, 16,99 Euro) bei den Feinden ein. Doch am Ende ist es gar nicht Frau Mustermann, die Plauschenat mit dem Twittergewitter #heuchelvolker dem Untergang weiht. Ein schöner Törn in die Politik 2.0 – mit original kopierten Wikipedia-Einträgen!

Die Piraten: „waren nicht die Metapartei, wie sie immer von sich sagten, sondern die Betapartei; die unfertige Partei, die Testversion einer Partei“.

In eisigen Höhen

Spannend ist vor allem die Frage, wer sich hinter dem Pseudonym Jan Faber verbirgt, wer den Thriller „Kalte Macht“ (Page & Turner, 448 Seiten, 19,99 Euro) denn nun geschrieben hat. Der laut Verlag hochrangige Berater in Politik und Wirtschaft kennt die labyrinthischen Gänge des Kanzleramtes jedenfalls gut. In seiner Story legt er nahe, dass der mehr als 20 Jahre zurückliegende Mord an einem Bankenchef (hier heißt er Albert Ritter) von höchsten Händen geplant wurde – weil seine Schuldenerlass-Idee nicht allen gefiel. Verschwörungstheorie plus schöne Frau, ergibt einen soliden Thriller: Als die Jung-Politikerin Natasha dem Auftrag der Kanzlerin, geheime Strukturen in ihrem Amt zu entlarven, etwas zu engagiert nachgeht, schickt „Die Pupille“ per Mail Todesdrohungen.

Politik ist: „rein körperlich ein ruinöses Geschäft. Vor allem für Frauen. Und vor allem für deren Füße“.

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