Roman : Alix, Anton und die anderen - Die Grausamkeit der Frauen
Essen. Katharina Hackers neuer Roman „Alix, Anton und die anderen” wirkt irritierend – auch durch seine äußere Form. verstört sie mit einer Härte, die man weder der Autorin noch den Protagonistinnen zugestehen möchte.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben – die Herbstmelancholie eines Rilke umflort die Protagonisten in Katharina Hackers neuem Roman. „Alix, Anton und die anderen” – vier Kinderlose und dennoch Karrieregeknickte um die Vierzig – schlendern um den Berliner Schlachtensee wie im Rhythmus der Gedichtzeilen; Blätter und Träume zerfallen unter ihren Füßen zu Staub. „Wir sind übriggeblieben, irgendwie steckengeblieben in unserem Leben. Und es muß beinahe ein Wunder geschehen, damit sich das noch einmal ändert.”
Das Lebensgefühl einer Generation, die glaubte, sich nicht entscheiden zu müssen: Selten wurde es so treffend, so erbarmungslos beschrieben.
Die schmerzlindernden Spaziergänge sind Ersatzfamilientradition, Ausdruck einer Wahlverwandtschaft: Die sozialgestörte Alix, ihr Psychiater-Ehemann Jan, der schwule Buchhändler Bernd und der liebessehnsüchtige Allgemeinmediziner Anton – sie alle suchen Halt bei Alix' Eltern Clara und Heinrich in Zehlendorf. Deren Liebe ließ der Schatten eines ertrunkenen Zweijährigen vor Jahren erkalten: Gleich zu Beginn verbinden sich Tode und Symbole zur Keule der Vergänglichkeit.
Katharina Hacker beschrieb bereits im Roman „Die Habenichtse” weibliche Grausamkeiten an den unschuldigsten aller Opfer – großäugige Kinder, kuschelige Katzen. Auch nun verstört sie mit einer Härte, die man weder der Autorin noch den Protagonistinnen zugestehen möchte.
Streit um Spaltenbreite
Sei es im Fall des ins Wasser gefallenen Kindes – oder eines siechenden Haustiers: „Jetzt war die Zeit des Erbarmens gekommen, und als Alix sich hinhockte zu der Katze, sah sie, daß sie beide darin nicht gut sein würden.” Nur der Frühling verbietet das bittere Ende.
Auch die Erzählkonventionen bricht Katharina Hacker auf wie der Keim die Erdscholle: Sie erzählt in zwei Spalten – über deren Breite sie sich mit dem Suhrkamp-Verlag zerstritt. Die Autorin wollte das Gleichgewicht, das Gleichberechtigte betonen. Der Verlag jedoch machte eine Spalte schmaler. Das erleichtert den Lesefluss, lässt aber auch Heinrichs Romanze mit Vietnamesin Mai Linh wie eine Fußnote scheinen. Dabei ist sie: ein Wunder. So wie Alix' Reise. Antons Verliebtheit!
Dem frühlingsgefühligen, andeutungsschweren Ende folgt eine Fortsetzung: beim S. Fischer Verlag. Ein Auszug ist auf www.katharinahacker.de zu lesen – erneut: erschütternd in der Wahl der Opfer.
Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen. Suhrkamp, 127 Seiten, 19,80 Euro










