Letzte Schicht des Nachtwächters

Washington..  Schon sein erster Job nach der Universität sollte einen bemerkenswerten Hang zur Satire freilegen. David Letterman war Wetterfrosch im Rundfunk, als er den Bürgern von Indianapolis aus heiterem Himmel Hagelkörner „von der Größe eines Dosen-Schinkens“ prophezeite. „Du kannst die Hochs und Tiefs nur eine bestimmte Zeit ansagen, bevor Du verrückt wirst“, erinnerte sich der Sohn eines Gemüsehändlers und einer deutschstämmigen Mutter später – „bei mir hat das zwei Wochen gedauert.“

Als der Lockenkopf mit dem markanten Oberkiefer schließlich erfundene Überschwemmungen in erfundenen Städten ins Mikrofon sprach, schmiss man ihn raus. Ein Segen für die Meteorologie. Und das Fernsehen. Letterman wurde zum Eckpfeiler jener uramerikanischen Form der Abendunterhaltung, die man anderswo in der Welt bis heute nach Kräften imitiert: Ein paar Minuten Standup-Comedy, Rückzug hinter den Studio-Schreibtisch, Plaudereien mit Gästen aus dem Schaugeschäft, Blödelspiele, schräge Kommentare zum Tagesgeschehen und als Rausschmeißer etwas Live-Musik.

„Amerikas Sandmann“

33 Jahre lang hat das Konzept gehalten. Heute Abend macht der 68-Jährige mit erlauchten Gästen und feuchten Augen nach gut 6000 Stunden Stuss Schluss. Präsident Obama würdigte Letterman als „Institution“.

Lettermans größter Erfolg entsprang einer bitteren Niederlage. 1992 trat Johnny Carson, bis dahin „Amerikas Sandmann“, seine „Tonight-Show“ im Sender NBC aus Altersgründen ab. Er empfahl Letterman, der bis dahin schon elf Jahre zur Geisterstunde ein jüngeres Publikum bespaßt hatte, als seinen Nachfolger. NBC aber bot Letterman die Stirn und kaufte den Mann mit dem Kinn ein: Jay Leno.

Letterman wurde depressiv. Dann startete er den Gegenangriff. Bei der Konkurrenz von CBS prägte er seine eigene Spät-Show, verdiente trotz schlechterer Quoten zeitweise 30 Millionen Dollar im Jahr (weit mehr als Leno) und wurde durch Respektlosigkeit zum Liebling aufgeklärterer Schichten, die sich mit Ironie dezent in den Schlaf plaudern lassen wollten.

Im September 2001, wenige Tage nach den Terror-Anschlägen von New York und Washington, ging er als erster Vertreter seiner Zunft wieder auf Sendung und zauberte dem paralysierten Amerika ein erstes Lächeln aufs Gesicht.

Anders als sein harmlos von der Westküste funkender Rivale Leno war Letterman nie „Mr. Nice Guy“. Überkam ihn schlechte Laune oder bestenfalls Desinteresse für einen Gast, dann wurde der Hausherr im Ed Sullivan Theater am New Yorker Central Park zum griesgrämigen Saboteur, dem selbst der großartige Bandleader Paul Shaffer keine Kurzweil bereiten konnte. In diesen seinen besten Zeiten, die „dirty“ Harald Schmidt für seine deutschen Quassel-Ableger ausgiebig studierte, war Letterman exquisite Anti-Talkshow. Wo andere den Stars und Politikern (selbst Präsidenten) anbiederisch den Steigbügel hielten, grantelte der erst spät Vater gewordene Feingeist und karikierte durch Schweigen das konventionelle Frage-und-Antwort-Format. Paris Hilton kam bei ihm den Tränen nahe, Cher nannte ihn ein A....loch. Dagegen sprang die junge Drew Barrymore auf seinen Tisch und zog blank. Und Julia Roberts küsste ihn so innig auf den Mund, dass es knisterte.

Bewunderung hat sich Letterman in der Alterskohorte Ü 50 vor allem durch seine demonstrative High-Tech-Rückständigkeit erworben. Während die junge Generation der Talk-Giganten (wie sein Nachfolger Stephen Colbert) mit Zoten auch in Digitalien für Quote sorgen, steht Letterman noch immer staunend vor dem Internet. „Es kam – und zog an mir vorbei.“ Was bleibt ist ein seltener Künstler, der seine größte Angst im Leben nie verbergen konnte: „Du kannst großartig sein, Du kannst schrecklich sein – nur eines sei nie: langweilig.“