Leistungskurs Ruhrgebiet
07.12.2009 | 12:35 Uhr 2009-12-07T12:35:00+0100
Ruhrgebiet. Auf Essens Zeche Zollverein hat das erste Besucherzentrum der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 eröffnet. Nach längerem Streit ums Geld steht fest: Vier in anderen Ruhrgebietsstädten folgen.
Im Moment ist Rainer Wernikowski der, der hier rennt und macht und tut, die Leute zu den Broschüren winkt, und hier geht's zu dem Film . . . Entschuldigung, die Aufzüge? Bitte, da hinten!
„Das ist ja jetzt mehr als Zollverein”, sagt der 46-Jährige aus Gelsenkirchen. Denn Wernikowskis Arbeitsplatz wurde am Wochenende ganz neu erfunden: Aus der Gästeinformation der Weltkulturerbe-Zeche Zollverein in Essen ist das erste „Besucherzentrum Ruhr” der Kulturhauptstadt 2010 geworden. Eine Rolltreppe rollt sich hinauf, auf 24 Meter über der Erde. Glückauf!
Dass Sie sich jetzt eine bessere Touristen-Info vorstellen, ist völlig richtig, und dass hier ganz viele Spielpläne und Veranstaltungskalender aus verschiedenen Ruhrgebietsstädten friedlich nebeneinander liegen, ist völlig neu: Es wurde bei der Eröffnung noch nicht einmal ein Offizieller gesehen, der die Broschüren der Nachbarstadt entschlossen versteckt hätte!
In der ehemaligen Kohlenwäsche also, man beachte den Symbolgehalt, steht das Tor zum neuen Ruhrgebiet, zur Kulturhauptstadt; hier gibt es künftig Orientierung, Heizung, Informationen, Tickets, einen Kaffee und die Currywurst.
Ruhrportal statt Rund-Eindicker
Mal ganz praktisch betrachtet: Der alte Laden mit Revierbüchern und Souvenirs ist weg und kommt erst in fünf Wochen wieder; die Multimedia-Stationen bedürfen einer kurzen Erklärung, dann sprudeln sie aber auch über; und es gibt tatsächlich mehr Informationen, gedruckt oder heruntergeladen, als man fassen kann. Leistungskurs Ruhrgebiet!
Ein Punkt vielleicht: Die allermeisten Broschüren liegen bisher ausschließlich auf Deutsch vor, auch wenn Rainer Wernikowski den Rahmen etwas weiter steckt: „Informationen haben wir bisher fast nur in Deutsch und Englisch, an Ausländisch arbeitet man noch dran.”
Die eigentliche Attraktion aber findet sich ein Stockwerk höher, in einem der früheren Rund-Eindicker, was man inzwischen wohl auch erklären muss: Da wurden Wasser, Schlamm und Schwebstoffe aus der Kohlenwäsche weiter bearbeitet – hoffentlich stimmt das so. Heute heißt der Rund-Eindicker „Ruhrportal”, man setzt sich auf Drehsessel in der Mitten und schaut den Film „Ruhr 360 Grad” im Rundum-Kino.
360 Grad Ruhr rundum
Alles dreht sich, das erste Gefühl ist, der Himmel stürzt ein; aber der Himmel stürzt natürlich nicht ein: „Ruhr 360 Grad” ist ein gut 20-minütiger, impressionistischer Imagefilm über das Ruhrgebiet und bringt es einem sehr nah.
In den letzten Minuten des Films versuchen Menschen dann, diese Region zu erklären, die von außen so schwer zu verstehen ist, und sie sagen schöne Sätze wie: „Man muss bedröhnt sein, wenn man als einzelner Dortmunder zwischen lauter Schalkern lebt” . . . „Ich wohne in der Stadt, aber wo ich wohne, ist nur Land drumrum” . . . „Die Leute hier sind direkt. Die fah'n nich' soon Eiertanz!”
Besucherzentrum Ruhr Nummer Eins also. Denn fünf sollen es werden, die anderen eröffnen zwischen Januar und März 2010: in Bochum im Bergbaumuseum, in Dortmund in der Nähe des U, in Duisburg im City-Palais und in Oberhausen nahe am Centro. In Oberhausen war die Sache ganz knapp, denn die Stadt steht unter Haushaltsaufsicht, und das Land scheute die Millionenausgabe für Ausstattung und Betrieb über geplante bis zu 15 Jahre.
Jedenfalls: Bis das Land sich dann besann, gingen über Monate die Wogen hoch. Wäre es nicht so ein schlimmer Kalauer, könnte man daher an dieser Stelle nochmal die alte Erfahrung aufschreiben, bestätigt von Athen 1985 bis Linz 2009: Keine Kulturhauptstadt ohne Theater!
0mitdiskutieren