Lampenfieber, Leistungsdruck - was Musiker mit Fußballprofis eint

Prof. Eckart Altenmüller forscht über den Zusammenhang von Nerven und Bewegung.
Prof. Eckart Altenmüller forscht über den Zusammenhang von Nerven und Bewegung.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Ob das hohe C oder das Tor: Musiker und Sportler müssen in jeder Lage treffsicher sein. Prof. Eckart Altenmüller forscht über Versagen unter Stress.

Hagen.. Der Tenor muss das hohe C treffen und der Stürmer im Fußball das Tor. Gelingt das nicht, werden beide ausgepfiffen. Also läuft die Angst immer mit, egal ob auf der Bühne oder auf dem Platz. Über den Zusammenhang von Nerven und Bewegung forscht Prof. Dr. Eckart Altenmüller. Der Hannoveraner Wissenschaftler ist Flötist und Mediziner zugleich; er gilt als „Musikerpapst“. Im Interview berichtet der 59-Jährige über die Gemeinsamkeiten zwischen Sport und Musik.

Wie ähnlich sind sich Sportler und Musiker?

Prof. Eckart Altenmüller: Versagen unter Stress ist etwas, das Sportler und Musiker gleichermaßen kennen und fürchten. Wenn Fußballspieler zum Beispiel zu verbittert versuchen, zu gewinnen, wird ihre Leistung häufig schlechter, weil sie nicht mehr dem Ablauf der Bewegung vertrauen, sondern zu viel kontrollieren wollen. Das gibt es bei Musikern ebenso. In beiden Fällen wird es zunehmend kritisch, wenn öffentlicher Druck dazukommt. Das führt dazu, dass das ganze Team konfus wird. Wir forschen derzeit an einem großen DFG-Projekt gemeinsam mit der Sporthochschule Köln. Dabei geht es eben um nervlich bedingte Bewegungsstörungen. Wir untersuchen das an Golfern und Musikern.

Auftrittsangst, auch Lampenfieber genannt, ist bei Bühnenkünstlern und Sportlern verbreitet. Früher kippte man sich dann zwei Cognacs vor dem großen Einsatz. Ist das immer noch so?

Altenmüller: Angstlösung durch Alkohol ist heute eher die Ausnahme, denn unter Alkohol funktioniert man nicht mehr so gut, vor allem angesichts des enorm gestiegenen Leistungsdrucks. Die Anforderungen bei den Aufnahmeprüfungen sind heute viel höher. Es wird viel mehr gesiebt, nur die Besten und Belastbarsten kommen überhaupt zum Studium. Das gilt auch für den Sport. Wenn man sieht, wie schnell das Tempo im Fußball geworden ist oder die Präzision der Pässe - das ist ja mit 1970 nicht vergleichbar.

Was kann denn im schlimmsten Fall passieren?

Altenmüller: Durch die Überlastung kommt es zu Fehlverhalten im Nervensystem; im Endstadium von dauernder Überlastung sind die Muskeln nicht mehr ansprechbar. Es gehört inzwischen zur Ausbildung, Musiker darauf vorzubereiten, wie sie mit solchen Stress-Situationen umgehen. Ich hoffe, dass es bald der Vergangenheit angehört, dass Musiker aus Angst mit der Karriere aufhören.

Bei Laien wirken Singen und Musizieren als Mittel zur Angstlösung, warum ist das bei Profis anders?

Altenmüller: Berufsmusiker stehen unter starkem Druck. Erstens wegen der starken Konkurrenzsituation und zweitens, weil heute die Zukunft der Orchester, also des Arbeitsplatzes, immer wieder in Frage gestellt wird. Da hat man als Musiker die Kinder noch im Studium oder muss die Hypothek abbezahlen und immer wieder fürchten, dass das Orchester wegen der kommunalen Finanzkrise aufgelöst wird. Denken Sie nur an die Situation in Hagen.

Woher kennen Sie die Situation der Kultur in Hagen?

Altenmüller: Ich habe eine gute Freundin in Hagen. Die Flötistin Beate Sobiesinsky-Brandt hat mit mir zusammen in Freiburg in einer Klasse bei Aurele Nicolet studiert. Ich bin der Auffassung, dass die Orchester in die Städte gehören, weil sie eine ganze Region mit Musik füllen. Die Musiker sind ja auch oft ehrenamtlich in Kirchen und Vereinen aktiv. Da darf man als Gemeinde nicht kurzfristig denken, sondern muss sorgfältig überlegen, was man an Lebensqualität erhalten will.

Sie sind Flötist und Mediziner. Sind Sie auch Fußballfan?

Altenmüller: Ehrlich gestanden, bin ich erst relativ spät zum Fußball gekommen, bei der WM 2006 in Deutschland. Jetzt bin ich fasziniert vom Fußball, gerade die ganze Psychologie dahinter finde ich total spannend.